Meine erste Begegnung mit
einem VW-Käfer
Dr. Ulrich von Pidoll,
Braunschweig
In den Fünfziger Jahren lebte ich im
Nordwesten Darmstadts. Dort wohnte ich in einem vom Krieg
weitgehend verschont gebliebenen Altbauviertel aus dem 19ten
Jahrhundert. Dieses war überwiegend von Menschen bewohnt, die
genauso alt waren wie die Häuser, in denen sie wohnten. Obwohl
dieses Viertel an und für sich dicht besiedelt war, parkte
dennoch nur sehr selten ein Auto am Straßenrand. Denn erstens
waren die Menschen in diesem Viertel zu arm für ein Auto, oder
aber sie besaßen eine Garage, in welcher der Wagen dem Anblick
des Publikums entzogen war. Zu diesem Personenkreis gehörte
unser Metzger (Schuppen im Vorgarten mit Mercedes 170S), der
Schneider (Hinterhofgarage mit DKW 3=6), der Schuster (Hinterhofgarage
mit Volkswagen) sowie der Kaufmann (Hinterhofgarage mit Mercedes
180).
Autos erlebte ich somit nur im Vorbeifahren,
und ich lernte dabei von Kindheit an, den angenehm summenden Opel
von dem pömpernden DKW, dem singenden VW, dem leisen Mercedes
Benziner und dem nagelnden Mercedes Diesel zu unterscheiden. Ford
wurde in Darmstadt übrigens weniger gefahren.
Neben den oben erwähnten Fahrzeugen gab es
aber noch ein weiteres Auto, welches meine besondere
Aufmerksamkeit erregte. Denn von meinem Fenster zum Hinterhof
schaute ich direkt auf die 50 m Luftlinie entfernte
Hinterhofgarage eines Spirituosenhändlers. Hier konnte ich immer
mal wieder dessen einfahrenden Wagen sehen und hören. Es war ein
brauner Volkswagen, Baujahr 51, wie mir sein Beisitzer damals
einmal berichtete. Schon bald erkannte ich an dem singenden
Motoren- und Getriebegeräusch, daß der Wagen im Anmarsch war.
Auch der sich nur langsam drehende Anlasser sowie das Kratzen des
Getriebes beim Schalten ist mir im Gedächtnis geblieben. Zwar
hatte ich auch die geteilte Heckscheibe dieses Käfers bemerkt,
doch kannte ich zum damaligen Zeitpunkt noch keine neueren
Volkswagen mit anderer Heckscheibenausführung. Deshalb empfand
ich diese als genauso normal wie unterteilte Fensterscheiben.
Eines Tages machte mein Großvater mit mir
einen Spaziergang auf der Straße. Da fuhr plötzlich mit laut
singendem Geräusch ein beigefarbener Volkswagen an uns vorbei,
und hell leuchtete sein orangefarbenes Bremslicht in der Mitte
des hinteren Deckels auf. Mir fiel dies ganz besonders auf, weil
ich etwa 1 m entfernt auf dem Bürgersteig stand und das
Bremslicht sich damals genau in Augenhöhe von mir befand. Der
Wagen fuhr weiter und blieb etwa 100 m weiter entfernt von uns
stehen. Es war der Wagen unseres Schusters, der diesmal
ausnahmsweise nicht in seiner Hinterhofgarage abgestellt, sondern
am Straßenrand stehen gelassen wurde.
Auch meinem Großvater war dieser Wagen
aufgefallen, und als er mein Interesse an diesem Wagen bemerkte,
gingen wir beide zu diesem Auto hin. Zuerst ging mein Großvater
einige Schritte um den Volkswagen herum. Anschließend sagte er
zu mir: "Dieser Wagen strahlt Vorkriegsatmosphäre aus".
Dabei klang seine Stimme so wehmütig, als ob die Vorkriegszeit
die schönste Zeit seines Lebens gewesen wäre. "Was meinst
du damit?", fragte ich ihn daraufhin. "Das verstehst du
noch nicht, mein Junge", entgegnete Großvater. "Aber
der Volkswagen wurde doch gar nicht in der Vorkriegszeit gebaut?"
bemerkte ich anschließend. Dabei war ich sehr stolz auf mich,
weil ich erkannt hatte, daß der Wagen in etwa genau so alt sein
müßte wie der Volkswagen des Spirituosenhändlers. "Doch",
sagte mein Großvater, "einige Volkswagen wurden bereits vor
dem Krieg gebaut". Ich glaubte ihm nicht, und er merkte es
auch, daß ich ihm nicht glaubte.
Ich sah mir daraufhin den beigefarbenen
Volkswagen ganz genau an. Es war wohl das erste Mal, daß ich in
vollem Bewußtsein ein Auto aus der Nähe anschaute. Großvater
hob mich hoch, und so sah ich im Inneren den beigen Dachhimmel
und die braunen Sitze, das helle Lenkrad mit drei Metallspeichen
(war wohl ein Petri-Lenkrad), die beiden Handschuhfächer links
und rechts sowie die beiden elfenbeinfarbenen Schalttafeleinsätze
mit den zwei Knebelschaltern.
"Großvater, wofür sind denn diese
Knebelschalter?", fragte ich ihn neugierig. Ein Großvater
hat's nicht leicht - was der als Nichtautofahrer alles wissen
soll. Aber er antwortete mir: "Das sind wohl die Schalter für
Licht und Scheibenwischer". Lediglich vom Knebelschalter in
der Mitte des Armaturenbretts oben wußte Großvater nicht,
welche geheimnisvolle Funktion er ausübte.
Als weitere Besonderheiten bemerkte ich an
dem Wagen noch seitliche Klappen vorn und ein verrosteter
Einrohrauspuff. Besonders hat es mir auch die Brezelnase angetan.
Auch hier konnte mir Großvater nicht erklären, wie weißes
Licht für die Kennzeichenbeleuchtung und oranges Bremslicht
gleichzeitig aus einem Glasfenster austreten konnte.
"Was meinst du mit Vorkriegsatmosphäre?",
fragte ich noch einmal Großvater. Er antwortete: "Der ganze
Stil der Inneneinrichtung und das Dominieren der Farben beige und
braun. Auf der Tapete von 1933 in deinem Zimmer dominieren doch
auch diese Farben. Ebenso ist das Heckfenster mit Mittelsteg eine
typische Mode der Vorkriegszeit". Die Sicken in den Außenteilen
bemerkten wir hingegen nicht.
Als wir wieder zu Hause angekommen waren,
ging Großvater an seinen Schreibtisch und zeigte mir zu meiner
grenzenlosen Überraschung einen Volkswagen auf einer Briefmarke
aus dem Jahr 1939, also aus der Vorkriegszeit. Die Buchstaben
konnte ich damals noch nicht selbst lesen, aber die Ziffern 1939
konnte ich schon interpretieren. War das möglich? Großvater
hatte also doch recht.
Mein Großvater starb, als ich fünf Jahre alt wurde. Das Interesse am Volkswagen und der Vorkriegszeit ist aber geblieben.