Mord im
Brezelkäfer
Roman von Dr. Ulrich von
Pidoll
1. Ein seltsamer Geselle
Ich
erinnere mich noch sehr genau an den Tag, der mein Leben verändern
sollte wie
kein zweiter. Es war der erste Schultag meines 12. Schuljahres am
Goethe-Gymnasium in Darmstadt Anfang der 50er Jahre. Nach dem
obligatorischen
Gottesdienst in der St. Elisabeth Kirche gingen wir zusammen mit
unserer
damaligen Klassenlehrerin, Frau Cornelia Stenzel, in unser
Klassenzimmer. Ich
werde nie vergessen, wie sie in ihrer typischen, majestätischen
Haltung vor
unserer Klasse stand. Sie trug wie immer eines ihrer altmodischen
dunklen
Kleider, und ihr ergrautes Haar war stets zu einem Dutt
zusammengebunden. Frau
Stenzel hatte gerade unsere persönlichen Daten in das dunkelblaue
Klassenbuch
eingetragen, als plötzlich die Klassentür aufsprang und ein
frech grinsender
Jüngling hereinplatzte.
„Hallo
Fans“, rief er aus, während er dabei in unsere Richtung schaute
und seine beiden
Arme zur Begrüßung nach oben riß. Nach dieser Szene
wandte er sich unserer
Klassenlehrerin zu und sagte so höflich, wie es seine kieksende
Stimme zuließ:
„Guten Tag, gnädige Frau. Entschuldigen Sie meine Verspätung,
aber ich musste
da noch ein schmutziges Geschäft erledigen, sie wissen schon,
hahaha. Mein Name
ist übrigens Friedrich Fischer aus Fischbach, kurz Fisch-Fisch
genannt. Ich
gehöre auch noch zu dieser geschlossenen Gesellschaft hier,
hahaha.“
Die
alte Frau Stenzel verzog ihr Gesicht und ihr ergrautes Haar schien sich
in
diesem Augenblick noch grauer zu färben. Doch bereits nach einem
kurzen
Augenblick hatte sie sich wieder gefangen und antwortete mit strengem
Blick:
„Darf ich Sie in Zukunft um etwas mehr Ernst bitten, Herr Fischer.“
„Fisch-Fisch, wenn ich bitten darf“, unterbrach sie der Neue. „Alle
nennen mich
Fisch-Fisch, ist doch viel kürzer und praktischer, gnädige
Misses. Drum
schreiben sie auf ihren Wisch: Mit dabei ist auch Fisch-Fisch, hahaha“.
Jetzt
konnten wir uns nicht mehr zurückhalten, und die ganze Klasse
brüllte vor Lachen.
Lediglich Frau Stenzel lachte nicht, sondern sie verpasste Fisch-Fisch
eine
schallende Backpfeife. „Das ist für dein ungebührliches
Benehmen. Ich hoffe, es
ist dir eine Lehre“. Aber Fisch-Fisch grinste nur frech weiter und
sagte zu
unserer grenzenlosen Überraschung „Das macht mir alles nichts
aus“, wobei er
das Wort „alles“ ganz besonders betonte. „Dann macht es Ihnen auch
bestimmt
nichts aus, heute eine Stunde länger zu bleiben“, antwortete Frau
Stenzel
ungerührt. „Warum nicht“, entgegnete der Neue mit einem
höhnischen Lächeln auf den
Lippen, „es ist doch sowieso schlechtes Wetter heute“.
Mein
erster Eindruck von dieser Szene war, daß Fisch-Fisch für
Belustigung und Abwechslung
in unserer Klasse sorgen würde. Das konnten wir ohne Frage auch
gut gebrauchen,
denn in unserer Klasse ging es ansonsten ziemlich langweilig zu. Und
deshalb
betrachtete ich es zu diesem Zeitpunkt sogar als angenehm, dass Frau
Stenzel
unseren Neuzugang gerade neben mich setzte. Denn ich war in dieser
Klasse eher
ein Außenseiter. Aus diesem Grunde wollte sich ja auch niemand
neben mich setzen.
Mein
neuer Banknachbar war mittelgroß, ausgesprochen mager, und sein
schmales,
spitzes Gesicht erinnerte mich irgendwie an eine Ratte. Auf seinem Kopf
trug er
einen mittellangen, struppigen Haarschnitt. Seine Haare waren dunkel,
sein
Barthaar allenfalls als etwas Flaum zu bezeichnen. Im krassen Gegensatz
zu
seinem ansonsten eher trägen Körper standen seine braunen
Knopfaugen, die
voller Jugend und Lebensfreude blinzelten. Seine Kleidung wirkte
ärmlich. Er
trug einen rostfarbenen Pullover, braune Hosen mit großen Flicken
und ein paar
abgetragene Schuhe, die früher einmal weiß waren. Aus
heutiger Sicht kann ich
hinzufügen, daß er den rostfarbenen Pullover, die geflickten
Hosen und die
„weißen“ Schuhe an jeden Tag seiner ganzen Schulzeit tragen
sollte.
Ich
machte einen kleinen Diener, und begrüßte Fisch-Fisch mit
den Worten „Hallo,
ich heiße Name ist Ulrich von
Pidoll“. „Angenehm, von den Socken,
hahaha,“ erwiderte der Neue frech, „wir werden sicher noch viel
Spaß miteinander
haben, Ulli-Schnulli. Das Leben ist ja soo langweilig, da braucht man
doch ein
bißchen Belustigung und Spaß. Wie alt bist du eigentlich?“
Ich
zuckte bei dem Begriff „Ulli-Schnulli“ zusammen und verpasste
Fisch-Fisch mit
den Worten „Hey, nicht so frech Kleiner: Da hast du einen Schlag zur
Beruhigung“ einen heftigen Boxhieb. Anschließend antwortete ich
wahrheitsgemäß:
„Übrigens bin ich 17 Jahre alt“. Überraschenderweise schlug
Fisch-Fisch nicht
zurück, sondern sagte spitz: „Was, schon 17? Iiihhh, du siehst
viel jünger aus,
hahaha. Armer Junge, so ein Milchbubi wie du hat sicher wenig Chancen
bei den
Weibern. Aber da habe ich einen guten Tip für dich. Du gehst
einfach zu einer
auf der Strasse hin und sagst: „Entschuldige, ich bin hier fremd.
Kannst du mir
den Weg zu deiner Wohnung zeigen?“, hahaha“.
Spätestens
zu diesem Zeitpunkt ist mir klar geworden, daß ich mit meinem
neuen Nachbar
nicht das große Los gezogen habe. Fisch-Fisch hatte eine Art von
Humor, sich
auf Kosten anderer zu belustigen, die ich widerlich fand und über
die ich überhaupt
nicht lachen konnte.
Und
dennoch war ich irgendwie von seiner Art fasziniert. Dinge, über
die ich mich
immer ärgerte, steckte er einfach weg, als wenn es nichts
wäre. Außerdem war es
mir gegenüber eigentlich immer anhänglich und treu wie ein
Hund. Vielleicht lag
dies daran, dass auch er so ein ungeliebter Außenseiter war wie
ich. Und im
übrigen konnte ich sicher sein, daß er, körperlich
schwach und häßlich, wie er
nun einmal war, mir auf keinen Fall meine Freundin ausspannen
würde. Zugegeben,
er war oft sehr sarkastisch und manchmal auch recht lästig, aber
ich denke,
dass ich damals doch eher froh war, in dieser Klasse wenigstens einen
Menschen
um mich zu haben, der mir Sympathie entgegenbrachte.
Schon
bald mussten meine Klassenkameraden unter meinem neuen Banknachbarn
leiden.
Fisch-Fisch stahl Schulhefte, strich die Schulbänke mit Klebstoff
ein, und ärgerte
ständig jeden in unserer Klasse. Er hatte eine unerträglich
höhnische Art, andere
Leute zu provozieren und auszulachen, und war deshalb ständig in
irgendwelche
Schlägereien verwickelt. Bei dieser Gelegenheit musste ich
erkennen, dass seine
größte Stärke seine außergewöhnlichen
Nehmerqualitäten waren. Er tänzelte vor
dem provozierten Opfer und lachte es aus, weil es zu schwach war, ihm
ernsthaft
weh zu tun. Und je fester es zuschlug, desto lauter hat er gelacht.
Höhnisch
hat er gelacht.
Ein
typisches Beispiel hierfür war sein erster Kampf mit unserem
Klassenschläger
Adolf Schmidt, der von uns respektvoll den Spitznamen „der starke
Adolf“
erhielt. Unserem Schläger gingen wir alle soweit wie möglich
aus dem Weg,
wussten wir doch aus Erfahrung wie furchtbar seine „rauchende Rechte“
war. Aber
das galt natürlich nicht für unseren Fisch-Fisch. Obwohl ich
ihn schon am
ersten Tag vor dem starken Adolf gewarnt hatte, fing er schon bald an,
ihn zu
provozieren. Und so dauerte es nicht lange, bis Adolf ihn fragte: „Na
Fisch-Fisch, wie wäre es mit einem kleinen Kämpfchen?“
„Natürlich, ist doch
ganz klar“, entgegnete Fisch-Fisch siegesgewiß. War er der Igel
im Kampf gegen
eine Bulldogge?
Fisch-Fisch
begann, mit seinen Fäusten einige elegante Finten in die Luft zu
schlagen,
sodass ein lautes Raunen durch das Publikum ging. Schnelle Fäuste
hatte er ja,
aber was wollte dieses schmale Handtuch gegen unseren Muskelprotz
ausrichten?
„Komm,
wir brechen den Kampf ab“, sagte der starke Adolf, „ich kämpfe
nicht gegen
einen mit einem Leberschaden“. „Ja, ja, gib auf, Fisch-Fisch, gib auf,
du hast
keine Chance“, tönte es auch von den Zuschauern. Aber Fisch-Fisch
rief mit
einer Entrüstung, als sollte er die ganzen
Wiedergutmachungszahlungen
Deutschlands aus eigener Tasche bezahlen: „Niemals! Außerdem habe
ich keinen
Leberschaden.“ Und eröffnete den Kampf mit ein paar Fausthieben in
Richtung
Adolf.
Doch
seine schwächlichen Fausthiebe riefen im Publikum eher Heiterkeit
hervor. Sie
waren so harmlos wie die Hand eines Eisverkäufers, der Kindern ein
Eis
hinhielt. Und nach ein paar von Fisch-Fischs Schlägen setzte Adolf
zu seiner
ersten Attacke an. Er täuschte einen Schlag mit seiner Rechten zum
Kopf vom
Fisch-Fisch vor, dieser zog seine Hände zur Abwehr nach oben, und
Adolf setzte
eine kurze trockene Linke genau auf die Leber von Fisch-Fisch.
Es
war ein fürchterlicher Schlag. Uns blieb der Atem weg, als wir
sahen, wie tief
sich seine feste Faust unter den asketischen Rippenbogen bohrte.
Fisch-Fisch
ging einen Schritt zurück, bekam ein Gesicht rot wie ein
Feuerlöscher, und fing
dann schrecklich an zu schnaufen. „Seht ihn euch an“, dozierte Adolf
triumphierend,
„die typischen Symptome eines Leberschadens: Die geschwollene, kranke
Leber
verursacht Übelkeit und zwingt zum tiefen Ein- und Ausatmen. Kein
Zweifel,
unser Freund hat einen Leberschaden. Gib auf, Fisch-Fisch, gib auf“.
„Niemals!
Ich habe keinen Leberschaden“, entgegnete Fisch-Fisch empört, und
begann wieder
eine Attacke gegen Schmidt. Das Publikum war jetzt zweigeteilt. Die
einen
hatten Mitlied und riefen: „Gib auf, Fisch-Fisch, gib auf! Du hast
keine
Chance“, die anderen wollten noch mehr Blut sehen und schrieen:
„Steck’s weg,
Fisch-Fisch, steck’s weg“.
Und
der Fisch-Fisch griff wieder an, diesmal mit seiner Linken. Dabei hielt
er
seinen rechten Ellenbogen schützend vor seine Leber. Doch der
starke Adolf
fackelte nicht lange und zielte mit seiner Rechten über die
Schlaghand von
Fisch-Fisch auf dessen linke Kinnspitze. Es war ein Schlag wie aus dem
Lehrbuch: präzise, kraftvoll und mit dem ganzen Körpergewicht
geschlagen. Ehe
Fisch-Fisch sich versah, saß er mit seinem Hosenboden auf dem
Schulhof. Und das
Publikum fing schadenfroh an zu lachen: „Ja, ja, das macht mir alles
nichts
aus, hahaha“.
Fisch-Fisch
versuchte, sofort wieder aufzustehen, aber seine Beine gehorchten ihm
einfach
nicht mehr. Sie zuckten wild umher, als er versuchte, aufzustehen. Es
half
alles nichts, er musste auf dem Boden bleiben und die höhnischen
Worte der Zuschauer
ertragen, während der starke Adolf von seiner zukünftigen
Karriere als Profiboxer
prahlte.
Nachdem
das schadenfrohe Gelächter der Audienz abgeklungen war, hatte sich
der
Fisch-Fisch wieder gefangen und sagte respektvoll zu Adolf: „Nicht
schlecht,
alter Junge nicht schlecht. Aber um mir ernsthaft weh zu tun,
mußt du noch ein
paar Jahre üben“. Sprach’s, setzte sein typisches Grinsen auf und
stand, wenn
auch etwas mühevoll, wieder auf.
Als
ich ihn später auf seinen Niederschlag ansprach, meinte er nur:
„Ach was, so
schlimm war das gar nicht, er hat mich ja gar nicht richtig getroffen“.
Ich
fragte ihn daraufhin, was er wohl unter einem richtigen Treffer
verstehen
würde. „Weißt du“, entgegnete er, „selbst wenn es mich
einmal richtig erwischen
sollte: auf meinen Betonschädel und meine eiserne Gesundheit ist
immer Verlaß“.
Zweifellos
genoß er es sogar, geschlagen zu werden. Immer wieder hörten
wir sein höhnisches
„Das macht mir alles nichts aus“, seine Standardreaktion auf
Schläge oder
Strafen der Lehrer. Er bekam Strafarbeiten, Schularrest, und
Prügel von unserem
Direktor. Während ich am Nachmittag meiner Freundin näher
kam, musste
Fisch-Fisch nachsitzen und Reagenzgläser spülen oder Gedichte
abschreiben. Doch
da mochte gerade kommen was wollte, der Fisch-Fisch, der hat immer nur
gelacht.
Höhnisch hat er gelacht.
Unter
diesen Umständen war es nur zu verständlich, daß
Fisch-Fisch bei fast allen in
unserer Klasse so unbeliebt war wie eine lästige Stubenfliege. Nur
bei unseren
Schlägern, die Fisch-Fisch in seiner typisch sarkastischen Art
„Gesellschaft
für humanes Sterben“ nannte, war er als lebender Sandsack gern
gesehen und
durfte immer bei deren Sauftouren mitmachen. Denn den hohen Herren war
es
offensichtlich gelegen, immer einen Sündenbock dabei zu haben,
wenn ihnen
einmal nach körperlicher Betätigung zumute war. Am folgenden
Schultag erschien
der Fisch-Fisch dann gewöhnlich mit einer großen spiegelnden
Sonnenbrille, die
seine schlimmsten Blessuren verdeckten. Und durch die Klasse ging dann
stets
ein Raunen: „Mein Gott, den hat’s aber wieder mal erwischt“.
Die
schulischen Leistungen Fisch-Fischs waren ungenügend. Er pflegte
während des
Unterrichts einzuschlafen und leere Blätter bei den
Klassenarbeiten abzugeben.
Als ihn unsere Frau Stenzel einmal hierauf ansprach, antwortete er
spöttisch:
„Wissen Sie, gnädige Frau, das Überwintern meiner sensiblen
Gartenzwerge nimmt
mich völlig in Anspruch.“ Und zu mir bemerkte er: „Schule ist doch
ganz
unwichtig. Ich brauche Unterhaltung und Belustigung, das Leben ist doch
sonst
so langweilig, hahaha“.
Schon
nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass der Fisch-Fisch ein Alkoholiker
war.
Ständig nippte er an seiner „flüssigen Nahrung“, wie er den
Alkohol nannte.
Fast hatte ich den Eindruck, dass erst der hohe Alkoholkonsum ihn so
schmerzunempfindlich machte, wie er nun einmal war. Warnungen von
unserer
Seite, dass ein so hoher Alkoholkonsum schon bald zu einem Leberschaden
führe,
wischte er immer mit einem Lachen und dem Hinweis auf seinen
Betonschädel und
seine eiserne Gesundheit vom Tisch.
Da
der Fisch-Fisch stets mit seiner eisernen Gesundheit prahlte, wurde er
von uns
gerne als Versuchskaninchen benutzt. So studierten wir an ihm zum
Beispiel die
Symptome der Alkoholvergiftung und die pharmakologischen Wirkungen von
Rizinusöl
und Brechweinstein. Wir waren in dieser Hinsicht nicht zimperlich, denn
es war
ja nur der Fisch-Fisch. Und verdient hatte er es in unseren Augen wegen
seiner
ständigen Schurkereien allemal. Doch da mochte gerade kommen was
wollte, der
Fisch-Fisch, der hat immer nur gelacht. Höhnisch hat er gelacht.
2.
Tod ist Leben
Kurz
vor den Weihnachtsferien stellten wir fest, dass immer nach der
Chorstunde
unsere Fahrräder einen Platten aufwiesen. Schnell waren wir uns
einig, dass
dies kein Zufall, sondern das Werk eines kriminellen Elementes sein
musste. Wir
beschlossen daher, die nächste Chorprobe zu schwänzen und dem
Täter bei seinem
frevelhaften Tun aufzulauern.
Die
Chorstunde war immer dienstags in der ersten Stunde. Wir stellten
unsere Fahrräder,
so wie immer, in den offenen Schuppen und legten uns auf die Lauer.
Groß Verstecken
brauchten wir uns nicht, es war so ein trüber, nebliger
Dezembertag, wo es so
gar nicht richtig hell werden wollte. Wir harrten in der Kälte und
starrten auf
unsere Fahrräder, die wir alle nebeneinander geparkt hatten. Doch
außer der
feuchten Kälte bemerkten wir erst einmal nichts.
Längst
hatte die Schulglocke zur ersten Stunde geläutet, und schon lange
nicht mehr
war ein Schüler an uns vorbeigegangen. Da, plötzlich schlich
eine dunkle,
schlanke Gestalt an uns vorbei. In dem dunklen Morgenlicht wirkte sie
wie ein
unwirkliches Gespenst, doch das Aufblitzen eines metallischen
Gegenstandes in
seiner Hand bewies, dass dieses Phantom doch natürliches Ursprungs
sein musste.
Nachdem
wir den ersten Schreck überwunden hatten, stürzten wir uns
mit lautem Gebrüll
auf den unbekannten Reifenstecher, doch der war auf den Angriff
überraschend
gut vorbereitet: Der Unbekannte reagierte wieselflink und rannte wie
ein Hase
an uns vorbei aus dem Schuppen heraus und in unser
Toilettenhäuschen hinein. Dabei
hatte er im Lauf seinen Anorak über den Kopf gezogen, sodass wir
ihn nicht erkennen
konnten. Wir stürzten hinterher in Richtung Toilette. Eine
große Zuversicht
überkam uns, denn in dem Toilettenhaus gab es nur eine einzige
Eingangstür und
ansonsten nur kippbare Oberlichter. Hier saß der Unbekannte in
der Falle, und
wir konnten ihn uns in aller Ruhe schnappen.
Adolf
Schmidt hatte wohl den gleichen Gedanken. Er ging mit seiner Garde
langsam und
überlegt in das Toilettenhäuschen. Ich folgte ihnen
neugierig. Das folgende Spektakel
wollte ich nicht versäumen. Die Jungs schauten sich in der
Toilette um. Sie war
leer. Halt, das stimmt nicht ganz. Ganz leer war das Toilettenhaus
nicht. An
einer Kabine prangte das rote Schild für „belegt“. Einige der
Jungs legten sich
auf den Fußboden und schauten unter der Kabinentür hindurch.
Sie sahen ein paar
Schuhe, in denen eine leibliche Person stecken musste.
„Kommt
Jungs, hier ist keiner“, rief Adolf und hielt dabei seinen Zeigefinger
vor seinen
Mund. Wir verstanden alle sofort. „Hast recht Adolf, hier ist niemand,
lass uns
woanders suchen“, pflichtete ihm ein anderer im Herausgehen bei.
Draußen jedoch
wurde der Adolf konkreter: „Eh, Max, geh mal zum Hausmeister und sag
ihm, ein
Sextaner hätte sich in der Toilette eingeschlossen und könne
nicht mehr
aufschließen. Lass dir den Vierkantschlüssel zum Öffnen
von außen geben,
kapiert? Und wimmle ihn ab, wenn er es selbst aufschließen will.
Haste kapiert,
du altes Sumpfhuhn?“ „Klar“, entgegnete Max, und verschwand in Richtung
der
Hausmeisterwohnung.
Einige
Minuten später kam er mit triumpfierendem Gesichtsausdruck wieder
zurück. Stolz
zeigte er den erbeuteten Vierkantschlüssel. „Muss ich aber gleich
wieder zurückgeben“,
bemerkte er noch. Aber wir hörten ihm schon gar nicht mehr richtig
zu.
Mucksmäuschenstill schlichen wir auf Zehenspitzen wieder in die
Toilette
zurück. Wir wollten den Täter überraschen. Die bewusste
Kabinentür war immer
noch abgeschlossen und ich überzeugte mich selbst davon, dass die
Schuhe immer
noch in der Kabine standen. Ich sah ferner, dass der
Übeltäter seine Hose nicht
heruntergelassen hatte, sondern offensichtlich mit angezogener Hose auf
dem
Toilettensitz saß. Hier saß also eindeutig der Täter,
daran gab es keinen Zweifel.
Mein
Herz pochte bis zum Anschlag, und Adolf gab ständig Zeichen, ruhig
zu bleiben.
Leise setzte er den Vierkantschlüssel in das Schloss, er passte
wie angegossen.
Ich sah wie seine Muskeln sich anspannten, und dann war es soweit: Mit
einem
Ruck war der Schlüssel gedreht und die Tür geöffnet. Wir
blickten in die
entsetzten Augen des Täters, der mit diesem blitzschnellen
Überfall nicht
gerechnet hatte.
„Donnerwetter,
sieh mal einer an! Sieh mal einer an!“ Adolf war sichtlich
überrascht, als er
denn Täter erkannte. Böse starrten uns die Augen vom
Fisch-Fisch an. Das
überraschende Moment war zu unseren Gunsten. Fisch-Fisch war wie
gelähmt, er
versuchte erst gar nicht, zu fliehen. Er starrte uns an, wir starrten
ihn an,
gelähmt wie ein Kaninchen, das von einer Schlange fixiert wird.
Und dennoch war
es der Fisch-Fisch, der die ersten Worte sprach.
„Ich
mache euch einen Vorschlag zur Güte. Wenn ihr mir nichts tut, dann
tue ich euch
auch nichts“, schlug er seelenruhig vor. Wir konnten uns den Bauch
nicht halten
vor Lachen und brüllten vor Vergnügen. In dem Gelächter
konnte man Bemerkungen
wie „Der hat Nerven“ hören. Sogar der Fisch-Fisch hat mitgelacht.
Wir lachten
solange, bis Adolf eine Handbewegung machte und sofort eine Totenstille
eintrat, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören
können.
Adolf
setzte jetzt ein strahlendes Lächeln auf und sprach: „In dieser
feierlichen Stunde,
meine lieben Freunde, muss ich eine kleine Rede halten. Einer unserer
Freunde
hat beschlossen, uns zu verlassen, und ich kann nicht umhin, einige
pietätische
Worte hierzu zu verlieren. Viele Leute sagen, dass der Tod das Ende des
Lebens
ist. Aber ich glaube, das stimmt nicht. Ich glaube vielmehr an das, was
in einem
englischen Lied gesungen wird: death is life, Tod ist Leben“.
„Was
soll das denn?“, bemerkte Fisch-Fisch daraufhin erstaunt, „ich verstehe
immer
nur Tod?“ „Ja hast du’s denn immer noch nicht kapiert, du alter Gauner
du?
Jetzt wird gestorben, hahaha“. Deutlich war zu erkennen, dass Adolf das
hämische Lachen vom Fisch-Fisch nachzumachen versuchte. „Was
hältst du davon:
wir packen dich, den Friedrich Fischer und den Fisch-Fisch in einen
Sack und
dann darf jeder einmal mit einer Holzlatte draufschlagen. Ich
garantiere dir,
es trifft immer den Richtigen, hahaha“. Adolf war sehr heiter geworden,
er fand
seine kleine Rede sehr amüsant.
Doch
Fisch-Fisch war da ganz anderer Ansicht. Sein Gesicht verfinsterte sich
wie
eine schwere Gewitterwolke, dann fiel er auf die Knie und schluchzte
mit
gefalteten Händen: „Hab Erbarmen, Adolf, hab Erbarmen! Ich
weiß, dass ich mich
oft gemein und niederträchtig euch gegenüber benommen habe.
Ich weiß es, und
ich werde es nie, nie wieder tun. Ich schwöre es, ich schwöre
es, also gebt mir
die letzte Chance euch zu beweisen, dass es damit jetzt vorbei ist.
Bitte,
bitte, hab Erbarmen!“
„Ja
hängst du denn so an deinem armseligen Leben?“, fragte ihn der
Adolf erstaunt.
„Jaah“, schluchzte der Fisch-Fisch steinerweichend, und dabei lief ihm
eine
Träne aus dem linken Auge. „Ja wenn das so ist, Fisch-Fisch, dann
wollen wir
mal Gnade vor Recht ergehen lassen“, sprach Adolf großmütig.
„Schmeißt ihn in
den Bach, Jungs, ein Fisch gehört ins Wasser“.
In
diesem Moment zwinkerte mir der Fisch-Fisch zu. Es war nur ein sehr
kurzer
Blick, aber ich verstand ihn sofort. Es war der Blick eines Menschen,
der hoch
gepokert und gewonnen hatte, und der sich gerade jetzt schon wieder den
nächsten Streich ausdachte. Bruchteile einer Sekunde später
legte er jedoch
seine mitleidserregenden Gesichtszüge wieder auf. Er war eben
schon ein
ausgezeichneter Schauspieler, der Fisch-Fisch.
Die
Jungs zögerten nicht lange, packten den Fisch-Fisch am
Schlawittchen und taten,
was ihnen aufgetragen wurde. Das Wasser muss eiskalt gewesen sein, es
war ja
auch Dezember, denn am nächsten Tag erschien der Fisch-Fisch mit
einem dicken
Schnupfen zum Unterricht. Und wieder ging ein Raunen durch die Klasse:
„Donnerwetter,
den hat’s aber wieder mal erwischt“.
3. Die graue Maus
Wenn
ich meine bisher geschriebenen Seiten überfliege, so stelle ich
fest, daß ich
dem geneigten Leser bisher recht wenig für sein Geld geboten habe.
In unserer
heutigen Zeit erwartet ein Leser eine blutige oder brutale Szene, wenn
nicht
auf Seite 1, so doch wenigstens auf Seite 2. Tut mir leid, mein lieber
Leser,
aber hiermit kann ich leider nicht dienen. Die Dinge haben sich nun
einmal
langsam und eher psychologisch als physisch entwickelt. Von einer
harmlosen
Ausgangslage ausgehend steigerten und steigerten sich langsam und
unaufhaltsam
die Konflikte, bis es schließlich zur unvermeidbaren Katastrophe
kam. Und zu
einer Leiche.
Obwohl
mein Banknachbar bei allen in unserer Klasse extrem unbeliebt war, so
gab es
dennoch einen Punkt, um den er heftig beneidet wurde. Da er bereits
eine Klasse
wiederholen durfte, war er ein Jahr älter als wir alle und mit
seinen 18 Jahren
nicht nur im Besitz eines Autoführerscheins, nein ihm gehörte
sogar ein ganzes
Auto.
Dieses
Auto war genau so eine Kuriosität wie er selber. Es handelte sich
um einen
alten dunkelgrauen Volkswagen mit geteilter Heckscheibe, der im
Volksmund „Brezelkäfer“
genannt wird. Dieser Brezelkäfer wurde im Krieg von hohen
deutschen Offizieren
gefahren und blieb eines Tages vor Fisch-Fischs Elternhaus in Fischbach
liegen. Fischer junior hat dann den Wagen
in eine
naheliegende Scheune geschoben und versteckt. Mit seiner stumpfen
Kriegslackierung in „nachtgrau“, den zahlreichen Einschusslöchern
und dem
Fehlen von jeglichem Zierat wirkte der Wagen neben den in Chrom- und
Lackglanz
schillernden modernen Autos wie eine graue Maus. Ohne Zweifel
paßte das
spartanische Outfit dieses Wagens genau zu dem rostfarbenen Pullover
und den
„weißen“ Schuhen seines Besitzers.
Oft
machten wir gemeinsame Ausflüge mit seinem Brezelkäfer. Er
tauchte immer mal
wieder nach einem Schularrest mit seinem kuriosen Vehikel bei mir auf.
Ein
Klingeln an meiner Haustür oder ein Hupen erübrigte sich,
denn schon von weitem
hörte ich das Singen des 25 PS-Motors, wenn der Fisch-Fisch mit
seinem Auto vor
meine Wohnung heulte.
Vor
der Abfahrt gab es immer das gleiche Ritual: Fisch-Fisch stieg aus und
begrüßte
mich dann mit einem „Hallo Fury, wie wär’s mit einem kleinen
Ausritt?“. Hierzu
muss ich bemerken, daß „Fury“ das einzige Buch war, daß
Fisch-Fisch besaß, und
selbst dieses eine Buch war nicht gekauft oder geschenkt, sondern
geklaut, wie
ein Bibliotheksstempel auf der ersten Seite bewies.
Nach
dieser Begrüßung öffnete ich die Beifahrertür
durch Ziehen am Türgriff, setzte
mich auf den grauen, mit alten Blutspuren aus dem Krieg verunreinigten
Beifahrersitz, zog die Tür am Türgriff wieder zu und
drückte den Innengriff in
die Verriegelstellung nach oben. Anschließend sagte ich „Hallo
Fischkopp, gib
deinem Gestüt mal die Sporen. Ich habe Lust auf Abenteuer“. „In
Ordnung, du
alter Gauner du“, erwiderte Fisch-Fisch. Dann legte er den
unsynchronisierten
ersten Gang mit einem Krachen ein (Fisch-Fisch pflegte die Gänge
immer ohne die
beim Unsynchrongetriebe erforderliche Schaltpause einzulegen),
ließ die
Kupplung mit einem Ruck kommen, und setzte den Wagen mit laut singendem
Getriebe in Bewegung. Und nach einem Kratz-Kratz Geräusch sang das
Getriebe im
zweiten Gang eine Oktave höher weiter.
Nie
werde ich vergessen, wie sein graues Auto fuhr. „Fuhr“ ist nicht ganz
der
richtige Ausdruck, eher war es als „hoppeln“ zu bezeichnen.
Schließlich war das
Material der Federstäbe kriegsbedingt von schlechter
Qualität, und deshalb war
die Federwirkung nur gering. Fisch-Fisch fuhr aus diesem Grund immer in
hohem
Tempo über Schlaglochstraßen. Ich weiß nicht, wie die
Reifen das ausgehalten
haben, aber sie haben es.
Auch
im Innenbereich war der Wagen noch in original Kriegsqualität
ausgestattet. Wir
saßen auf Einfachstrohrstühlen, auf denen grobe
Jutesäcke, gefüllt mit
Stoffabfall, festgenäht waren. Gut angezogen durfte man in diesem
Wagen nicht
sein, denn beim Hineinsetzen in die alten „Kartoffelsäcke“ wurde
die Kleidung
schmutzig. Selbst der Fisch-Fisch musste zugeben, dass sein Wagen nicht
für die
Fahrt mit einer Braut im weißen Brautkleid geeignet ist.
Im
Inneren des Käfers war wegen es wegen der kleinen Fenster und der
stumpfen, dunkelgrauen
Lackierung recht dunkel. Zwei Blechhandschuhfächer rechts und
links außen, dazwischen
zwei Schalttafeleinsätze, der linke mit Tacho und Knebelschaltern
für Licht und
Scheibenwischerschalter, der rechte mit VW-Zeichen im Zahnkranz,
bildeten das
Armaturenbrett vor mir. Oft schaute ich wie paralysiert auf die
Tachonadel, und
eine Euphorie überkam mich jedesmal, wenn sie nach unten auf „60“
zeigte, weil
der Fisch-Fisch dann mal wieder mit lautem Heulen den dritten Gang bis
zum
geht-nicht-mehr ausfuhr. Wie schnell der Wagen tatsächlich laufen
konnte, haben
wir nie ausprobieren können. Denn oberhalb von 80 km/h nahm die an
und für sich
akzeptable Anfangsbeschleunigung rapide ab, und spätestens, wenn
die Tachonadel
die 100 km/h links oben erreicht hatte, mussten wir wieder bremsen.
Aber auch
das war recht lustig, da der schwächliche Fisch-Fisch sich dann
mit aller Kraft
an seinem Sitz abstützen musste. Seilzugbremsen sind eben
schwergängig.
Wir
empfanden das laute Poltern des Motors im Heck, vergleichbar dem
Geräusch, wenn
ein Sack Kartoffeln ausgeleert wird, das singende Getriebe und das
heulende Kühlgebläse
damals nicht als störend, sondern vielmehr sogar als sportlich,
denn wir kamen
uns unwahrscheinlich schnell in diesem lauten Wagen vor. Im
übrigen empfand ich
es als unheimlich erregend, überhaupt in einem Auto mitfahren zu
können, auch
wenn ich den Sprit von meinem Nachhilfeverdienst bezahlen musste. Und
wenn ein
fremder Beifahrer es tatsächlich einmal wagen sollte, seinen Wagen
als „laut“
zu kritisieren, entgegnete der Fisch-Fisch bezugnehmend auf das
Getriebe hierzu
nur: „Ich weiß gar nicht, was du hast. Der
Wagen lärmt doch nicht, sondern er singt nur ein Lied“. So
kann man es
natürlich auch sehen.
Während
unserer Unternehmungen pflegte der Fisch-Fisch mich immer mit seinen
typischen,
sarkastischen Bemerkungen zu unterhalten. Einmal sagte er: „Hey, du
hast ja
einen Holzsplitter im Finger. Darfst dich halt nicht am Kopf kratzen,
hahaha“.
Ein anderes Mal bemerkte er: „Das kannst du nicht hochheben, das wiegt
fast 10
kg.“ Schlug ich ihn einmal, weil er mich zu sehr reizte, bemerkte er
nur: „Nein,
das gibt’s doch nicht. Immer noch der alte Schwächling. Nur gut,
dass das eben
deine Freundin nicht gesehen hat. Wie peinlich, hahaha“. Am
sarkastischsten
fand ich aber seine Bemerkung: „Was meinst du als Frau dazu?“
Wir
waren eben schon ein seltsames Paar, der Fisch-Fisch und ich, zwei
unbeliebte
Schüler. Aber vielleicht bestand gerade wegen dieser Gemeinsamkeit
diese
gewisse Sympathie zwischen uns beiden.
Wenn
es stärker zu regnen begann, mussten wir anhalten, denn die
Leistung der
Scheibenwischer entsprach mit 30 Wischbewegungen pro Minute etwa den
modernen
Intervallschaltungen. Immerhin hatte der Wagen bereits eine Heizung,
was damals
nicht selbstverständlich war. Trotzdem blieb er im Winter
lausekalt, und unser
Atem gefror an der Windschutzscheibe. Ich musste dann immer mit einem
Eisschaber
für eisfreie Scheiben sorgen.
Ich
sprach Fisch-Fisch mehrfach hinsichtlich seines Vaters an, der den
Wagen nach
dem Krieg wieder mit einem Getriebe aus einem anderen, ausgebrannten
Brezelkäfer instand gesetzt hatte, doch der Fisch-Fisch gab sich
diesbezüglich
immer sehr geheimnisvoll. Nur soviel konnte ich damals in Erfahrung
bringen:
Sein Vater war ein Beamter in Fischbach, und er wünschte mir, dass
ich ihn nie
kennenlernen würde. Dabei leuchteten Fisch-Fischs Augen hell auf,
und er begann
zu kichern. Anfangs war ich über diese Aussage etwas irritiert.
Später jedoch,
in einer Situation, bei der es bei mir quasi um Leben und Tod ging,
sollte sich
aber zeigen, dass er sich gerade in diesem Punkt geirrt hatte.
Eines
Tages blieb der Platz neben mir leer. Unsere Klassenlehrerin wusste
auch nichts
über meinen Banknachbar. Das war ausgesprochen ungewöhnlich,
denn der
Fisch-Fisch erschien selbst nach unseren medizinischen Versuchen stets
pünktlich zum Unterricht und war an und für sich kein
Schulschwänzer. Ich
machte mich deshalb auf zu seiner Tante, bei der er ein Zimmer
bewohnte.
Fisch-Fisch hatte mir einmal erzählt, dass diese Tante ihn
aufgenommen hatte,
weil er am Wohnort seines Vaters von der Schule geflogen war. Ehrlich
gesagt,
hatte ich genau so eine Erklärung irgendwie erwartet.
Die
graue Maus stand vor der Tür. Aber der Fisch-Fisch war nicht
zuhause. Seine
Tante berichtete mir, daß die Polizei zusammen mit einem
Gerichtsvollzieher gekommen
war und das Auto gepfändet hatte. Sie glaubte, dass Fisch-Fisch
vor irgendwelchen
Schwierigkeiten geflohen war. Das erschien mir sehr glaubhaft, wusste
ich doch
nur zu gut, wie sich der Fisch-Fisch überall in die Nesseln
gesetzt hatte.
Auch
am nächsten Tag blieb Fisch-Fisch verschwunden, und seine Tante
wusste über
sein Verschwinden nicht mehr als am Tage zuvor. Sie konnte mir
lediglich mitteilen,
dass der alte Brezelkäfer versteigert werden sollte, um einige
Gläubiger zu befriedigen.
Denn abgesehen von dem Fury-Buch, welches die Polizei natürlich
der Bibliothek
wieder zurückgab, war der Wagen der einzige Gegenstand, den der
Fisch-Fisch
noch zurückgelassen hatte. Ich überlegte nicht lange und
beteiligte mich an der
Versteigerung des Autos mit meinen gesamten Ersparnissen von 60 DM.
Mit
diesem Gebot übertraf ich den ortsansässigen
Schrotthändler um 10 DM. Sonst
hatte ich keine Konkurrenz. Niemand sonst bot auch nur eine Mark
für diese
lärmende Antiquität. Und so erhielt ich die graue Maus einige
Tage später zum
Dumping-Preis von 60 DM. Durch diese Aktion war ich zwar mein gesamtes,
von der
Nachhilfe gespartes Kapital los, aber dafür besaß ich
bereits mit 17 Jahren ein
Automobil. Ich war sehr stolz auf mich.
Schon
bald hatte ich genug neues Kapital vom Nachhilfeunterricht angespart,
um den
Führerschein zu erwerben. Und mit 18 machte ich mit der grauen
Maus die Gegend
unsicher. Irgendwie war mir dieser Wagen sympathisch. Ich fühlte
mich in ihm
sicher wie in einer Burg. Vielleicht lag dies an seinem dicken Blech
und an
seiner Unverwüstlichkeit. Meine Freundin war jedoch nicht von
diesem Wagen
begeistert, sie fand ihn ziemlich unkomfortabel und schmucklos, und
lästerte
vor allem über die alten Blutflecken auf den Sitzen. Aber letzten
Endes fuhr
sie doch immer wieder mit, wenn auch unter Protest. So beklagte sie
sich immer,
sie würde sich in diesem Wagen vorkommen wie ihre eigene
Großmutter im Krieg.
Obwohl
ich seinen Wagen noch viele Jahre fahren sollte, hatte ich Friedrich
Fischer
aus Fischbach schon bald vergessen. Ich war mir sicher, dass ich ihn
nie wieder
sehen werde. Doch in diesem Punkt sollte ich mich schwer irren.
4. Totgesagte leben
länger
Ich
studierte Jura an der Universität in Freiburg, bestand das Examen
mit Auszeichnung
und war bei Gericht angesehen und beliebt. Aus diesem Grund wollte ich
in
Freiburg als Strafverteidiger eine eigene Kanzlei eröffnen. Hierzu
benötigte
man natürlich entsprechende Büroräume, und
selbstverständlich musste ich ja
auch irgendwo wohnen. Doch zum damaligen Zeitpunkt herrschte eine
absolute
Flaute an passenden Objekten, und so blieb mir nichts anderes
übrig, als die
Hilfe eines professionellen Immobilienmaklers in Anspruch zu nehmen.
Bereits
beim Studium der Tageszeitung waren mir immer wieder die Angebote eines
gewissen „Immobilien-Fischer“ aufgefallen, und so beschloss ich, diesem
Herren
einmal einen Besuch abzustatten. Dieser Makler schien einen
großen Kundenkreis
zu besitzen, denn ich musste etwa eine Stunde in einem übervollen
Wartezimmer
warten, um überhaupt vorsprechen zu können. Dies war mir
eigentlich nicht
unsympathisch, sprach dies doch für dessen Kompetenz und
ließ gute Angebote
erwarten.
Schließlich
war es endlich soweit, und ich konnte mein Anliegen vortragen. Doch ich
hatte
kaum den Büroraum betreten, als mein Gegenüber mit hoher
kieksender Stimme
sagte: „Nein, das gibt es doch nicht, die Jugend. Herzlich willkommen,
du alter
Gauner du, hahaha. Wie geht s dir? Du suchst also ein Anwesen, wo du
dein Unwesen
treiben kannst? Mal sehen, was ich für dich tun kann.“
Ich
traute meinen Augen nicht, wer mir da gegenüber saß. Es war
natürlich der
Fisch-Fisch. Er war in der Zwischenzeit stark gealtert und hatte
bereits weiße
Haare und tiefe Falten im Gesicht. Außerdem erschien er mir noch
magerer und
rattengesichtiger, als er es schon früher war. Nur seine braunen
Knopfaugen
sprühten noch genauso voll jugendlicher Frische, wie sie es in
unserer
Schulzeit getan hatten.
Mein
zweiter Eindruck schien den ersten zu bestätigen. Fisch-Fisch
wirkte verbraucht,
und seine Augen und seine Haut erschienen mir gelb, sehr gelb sogar.
Seine
Kleidung war allerdings vornehmer, als ich sie bisher bei ihm gewohnt
war. War
sie früher schäbig, so saß er mir heute in einem zwar
nicht gerade vornehmen,
aber doch gut-bürgerlichen grauen Anzug gegenüber.
„Hallo
Fisch-Fisch“, begrüßte ich ihn voll Überraschung. „Bist
du es wirklich? Was ist
denn aus dir geworden? Du warst damals so plötzlich verschwunden.
Erzähl mir
doch bitte mal, wie es dir ergangen ist.“ „Wie es mir ergangen ist? Da
gibt es
eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich hatte in jener Zeit einen
Kaufmann
betro..., ähm, jedenfalls musste ich damals verschwinden. Den
Wagen konnte ich
schlecht mitnehmen, mit dem wäre ich ja sofort aufgefallen,
außerdem hatte ich
bereits die allerletzten Mahnungen wegen der ausstehenden Steuer und
Versicherung bekommen. Ich habe dann einfach alles stehen und liegen
gelassen,
bin untergetaucht und habe meinen Unterhalt als Versuchskaninchen in
der Pharmaindustrie
verdient. Die suchen da immer Gesunde, an denen sie ihre
Neuentwicklungen
austesten können und die Herren sind da nicht so pingelig
hinsichtlich
Personalausweis und so. Und du weißt ja, auf meine eiserne
Gesundheit ist immer
Verlass.“
„Eines
Tages jedoch wollten mich die Pharmafritzen nicht mehr haben, weil
ihnen meine
Blutwerte nicht mehr gefielen, und von da an habe ich mich eben mit
kleinen
Gaunereien über Wasser gehalten. Irgendwann wurde ich dann aber
doch von der
Polizei erwischt und ins Gefängnis gebracht. Ich dachte schon, ich
müsste den
Rest meines Lebens an diesem traurigen Ort verbringen, aber dann kam
die große
Überraschung: Bei der medizinischen Untersuchung wurde
festgestellt, dass meine
Leberwerte im Blut so schlecht waren, dass ich eigentlich tot sein
müsste.
Kannst du dir das vorstellen, alter Junge? Ich bin haftunfähig und
habe
Narrenfreiheit in diesem unserem Staate. Hahaha. Ist das nicht
großartig?“
„Na
ja, ganz so großartig ist es, ehrlich gesagt, doch wieder nicht“,
fuhr
Fisch-Fisch mit seiner Schilderung fort, „nämlich die Gelder, die
ich zur
Wiedergutmachung abliefern muss, sind schon ganz schön
lästig. Und da habe ich
mich eben entschlossen, Immobilienmakler zu werden. Ich kenne doch hier
in
diesem Städtchen fast jeden. Jetzt sitze ich also hier in diesem
Büro und
bringe die Objekte unter die eine Hälfte der Leute, welche die
andere Hälfte
meiner Klienten mir anbietet. So wie der Croupier die Chips auf dem
Roulettetisch hin und her schiebt und dabei immer nur gewinnt, hahaha.
Habe ich
das nicht toll gemacht? Also, wenn ich ganz ehrlich bin, ist mein
Spitzname
„Fisch-Fisch“ nicht ganz zutreffend. „Der Superfisch“, das wäre
doch viel
passender für mich, oder, hahaha?“
„Ja,
Fisch-Fisch, das hast du irgendwie gut gemacht“ entgegnete ich, „ich
bin nur
ein kleiner, unbedeutender Strafverteidiger geworden, der mühsam
seine Klienten
zusammensucht.“ „Erzähl mal, was aus den anderen hohen Herren aus
unserer
Klasse geworden ist“ fuhr der Fisch-Fisch fort. Und mit einem
Augenzwinkern
bemerkte er: „Ich glaube nicht, dass einer von den Schlägern
Theologe geworden
ist, allenfalls Teetrinker, hahaha.“
„Sicher
kannst du dich noch an den starken Adolf erinnern“, begann ich meinen
Bericht.
„Der hat jetzt in eine Metzgerei eingeheiratet.“ „Tatsächlich?“,
entgegnete
Fisch-Fisch. „Na ja, das Abschlachten war ja auch das einzige, was er
wirklich
gut konnte, hahaha.“ „Übrigens musste unser Adolf neulich ins
Krankenhaus, ihm
musste das linke Bein amputiert werden,“ fuhr ich mit meinen
Ausführungen fort.
„Du weist doch, es ist schon während der Schulzeit schwarz
gewesen.“ „Jajaja,“
lächelte der Fisch-Fisch, „Fliegen haben schwarze Beine; Raucher
auch, und
manchmal keine, hahaha. Rauchst du eigentlich noch?“ „Ich habe das
Rauchen
inzwischen aufgegeben“. „Was, du hast das Rauchen aufgegeben? Bei
deiner
Gesundheit? Ach, das lohnt sich doch nicht mehr, hahaha“.
Kein
Zweifel, Fisch-Fisch war immer noch ganz der Alte geblieben. Sein
Sarkasmus war
nach wie vor nicht zu übertreffen.
„Weißt
du übrigens, dass ich dein Auto ersteigert habe und es immer noch
fahre?“
„Nein, das gibt’s doch nicht, da müssen wir unbedingt mal wieder
eine Runde
fahren. Was hältst du von heute abend, 18 Uhr? Bis dahin werde ich
mich noch
ein bisschen für dich umhören. Bestimmt finden wir etwas
passendes für dich.
Ich werde doch meinen guten, alten Freund, den Ulli, nicht hereinlegen,
nein
nein, hahaha.“
Da
das Wartezimmer immer noch proppenvoll war, verabschiedeten wir uns
relativ
schnell, und wie versprochen heulte ich um 18 Uhr vor die Hoftür
des
Immobilien-Fischer. Fisch-Fisch wartete schon, stieg ein, und als er
neben mir
saß, kam er mir noch viel älter und kränker vor, als in
seinem Büro. Im krassen
Gegensatz dazu standen die gelbbraunen Knopfaugen, die seltsamerweise
so
lebhaft wie immer wirkten.
„Hahaha,
ist das nicht toll, das ich das noch einmal erleben darf?“,
schwärmte mein
Freund. „Es ist toll“, ergänzte ich ziemlich einfallslos. Dabei
bemerkte ich,
wie sein Blick in das offene Blechhandschuhfach gerichtet war und ein
Lächeln
sein Gesicht überzog. Oh hätte ich damals bloß geahnt,
welche Teufelei mein
Freund sich gerade ausgedacht hatte. Noch ahnte ich aber nichts von
Fisch-Fischs mörderischem Plan und lief im wahrsten Sinne des
Wortes ins offene
Messer.
Derweil
heulten wir die Hauptstrasse entlang und näherten uns einem Park,
in dem sich
viele Menschen befanden. Offensichtlich fand dort gerade eine
größere Veranstaltung
statt. „Halt doch bitte einmal da vorne bei den Menschen an. Ich
möchte doch zu
gerne einmal nachfragen, was die da so treiben“, bat mich mein alter
Freund.
Ich befolgte Fisch-Fischs Wunsch, und schon bald stand das Auto mitten
in einer
Menschenmenge.
„Was
hast du denn da für ein tolles Messer in Handschuhfach? Kannst du
mir das mal
zeigen?“. Sein Lächeln schien sich noch weiter zu verstärken.
„ Aber klar
doch“, entgegnete ich ahnungslos, und holte mein altes Jagdmesser aus
der Tiefe
des Handschuhfachs.
Inzwischen
war mein altes, graues Auto in der Menschenmenge aufgefallen, und
einige Gaffer
schauten uns etwas blöde durch die Scheiben an, so als wollten sie
uns sagen:
„Verschwindet, was wollt ihr denn hier?“ Ich störte mich aber
nicht an dieser
Gafferei und zeigte Fisch-Fisch das große Messer. Da,
plötzlich, geschah das Unfassbare:
Fisch-Fisch schnappte meinen rechten Unterarm und zog ihn mit einer
Kraft, die
ich ihm nicht zugetraut hätte zu sich hin. Ehe ich mich versah,
steckte das
Messer in seinem Bauch.
Ich
war von diesem Vorgang wie paralysiert und erlebte nur noch schemenhaft
mit,
wie Fisch-Fisch einen grunzenden Ton ausstieß, mit letzter Kraft
die
Beifahrertür öffnete und in die Arme von den zufällig
dastehenden Menschen
fiel. Er schaute die Fremden an, dann wieder mich, und ein tiefes,
friedliches
Lächeln glitt über sein Gesicht. Dann verlor er das
Bewusstsein, doch sein
Körper zuckte und atmete noch minutenlang weiter, so als wollte er
sagen: “Das
macht mir alles nichts aus“. Doch seine Atemzüge wurden langsam
immer flacher
und flacher, und schließlich war es mit ihm vorbei. So starb
Friedrich Fischer
aus Fischbach.
5. Der Prozess
Ich
brauche dem geneigten Leser wohl nicht zu erklären, was jetzt
weiter geschah.
Eine Vielzahl von Menschen standen um Fisch-Fischs Leiche herum,
betrachteten
das Messer in seinem Bauch, und schrieen „Mörder, Mörder“ zu
mir. Einige aus
der Menge deuteten auf mich und riefen sogar „Er hat ihn umgebracht,
ich habe
es ganz genau gesehen“. Ich selbst war von den Vorgängen in den
letzten
Sekunden so erschrocken, das ich mich erst einmal gar nicht bewegte.
Immer noch
umschlang meine Hand das Messer im Bauch des Toten. Einen Versuch, mich
zu
verteidigen, unternahm ich erst gar nicht. Schon bald erschien eine
Polizeistreife und ich wurde abgeführt.
Meine
Situation war denkbar schlecht. Mehrere Zeugen hatten gesehen, wie ich
mit
meinem Arm mein Messer in Fisch-Fischs Bauch steckte. Die Untersuchung
ergab
außerdem: Es war mein Messer, und es waren auch nur meine
Fingerabdrücke auf
diesem Messer. Es gab keine Hinweise auf sonstige Fingerabdrücke.
Andere Personen
schieden somit sowohl wegen der übereinstimmenden Zeugenaussagen
als auch wegen
der Tatindizien definitiv als Täter aus.
Schnell
war auch ein Tatmotiv gefunden: Fisch-Fisch hatte mich wohl auf der
Fahrt so
provoziert, dass ich bei der nächstbesten Gelegenheit angehalten
und ihn im Affekt
erstochen habe. Die Staatsanwaltschaft sah sich in dieser Theorie
bestätigt,
als mehrere Schulfreunde aussagten, dass der Fisch-Fisch ausgesprochen
unbeliebt war, und das er alle Leute und auch mich oft geärgert
oder provoziert
hatte.
Die
Zeugen gaben ferner zu Protokoll, dass ich schon damals in der Schule
bei den
Experimenten hinsichtlich der pharmakologischen Wirkung verschiedener
Gifte mitgemacht
hatte, und das war ja schon so etwas wie ein halber Mord. Von da aus
war es nur
noch ein kleiner Schritt zum Mord im Brezelkäfer.
Mein
Hinweis auf die Druckstellen an meinem Arm, die entstanden waren, als
Fisch-Fisch mit Gewalt meinen Arm packte und führte, machte mich
eher noch
verdächtiger. Der medizinische Sachverständige interpretierte
diese
Druckstellen nämlich ganz anders: Fisch-Fisch hatte seiner Ansicht
nach
zugegriffen, um mit aller Kraft den tödlichen Stich von mir zu
verhindern.
Egal
was ich machte oder wie auch immer ich mich verteidigte, der Strick zog
sich immer
fester um meinen Hals zusammen. Der Staatsanwalt hatte leichtes Spiel,
eine
Indizienkette gegen mich aufzubauen und in seinem Schlussplädoyer
eine Zuchthausstrafe
wegen heimtückischem Mord im Affekt zu verlangen.
Als
gelernter Strafverteidiger war es für mich natürlich
Ehrensache, meine Verteidigung
selbst zu übernehmen. Da im Prozess für mich so ziemlich
alles schief lief, was
überhaupt schief laufen konnte, konzentrierte ich mich auf mein
Schlussplädoyer.
„Hohes
Gericht. Die Staatsanwaltschaft hat aufgrund von Zeugenaussagen und
Indizien
einen Tatverlauf konstruiert, der ihrer Meinung nach mit diesen
Zeugenaussagen
und Indizien korreliert. Gemäß diesem Tatverlauf wäre
ich in der Tat des Mordes
im Affekt für schuldig zu verurteilen. Dieser Tatverlauf hat nur
einen großen
Fehler: Er entspricht nämlich nicht der Wahrheit. Hohes Gericht,
ich möchte
Ihnen im Folgenden den wahren Tatverlauf schildern, nach dem ich
freizusprechen
bin, und sie werden feststellen, dass dieser wahre Tatverlauf nicht nur
ebenfalls den Indizien und Zeugenaussagen entspricht, sondern
darüber hinaus
auch noch einige weitere Tatumstände erklärt, für welche
die Staatsanwaltschaft
nur unbefriedigende Erklärungen abgeben kann.
Zugegeben,
meine Ausführungen klingen nicht glaubhaft. Ich erwarte deshalb
auch nicht,
dass sie meine Ausführungen glauben. Wenn sie aber schon meine
Ausführungen
nicht glauben wollen, dann dürfen sie aber auch die
Ausführungen der
Staatsanwaltschaft nicht glauben, denn die passen noch weniger zu den
Tatumständen
als meine. In dieser Situation bleibt ihnen meines Erachtens dann
nichts anderes
übrig, als mich gemäß der „im Zweifel für den
Angeklagten-Regel“ freizusprechen.
Es
ist unstrittig, dass der tödliche Messerstich mit meiner Hand und
mit meinem Messer
durchgeführt wurde. Die Staatsanwaltschaft sagt nun, dass ich
diesen tödlichen
Stich wissentlich geführt habe und Friedrich Fischer dabei meinen
Arm gepackt
hat, um diesen Messerstich abzuwehren. Mit dieser Theorie gibt die
Staatsanwaltschaft aber zu, dass nicht nur ich die Kontrolle über
meinen Arm
besaß, sondern eben auch Herr Fischer.
Wer
von uns beiden hat denn nun den Stich geführt? Die
Staatsanwaltschaft behauptet,
ich wäre es gewesen. Der Ermordete hätte mich auf der
gemeinsamen Fahrt provoziert,
ich hätte bei der nächstbesten Gelegenheit angehalten und
hätte ihn dann im
Affekt erstochen. Zum Beleg hierfür verweist die
Staatsanwaltschaft auf
Zeugenaussagen, wonach der Ermordete dafür bekannt war,
ständig Leute zu
provozieren und zu reizen. Dabei bleibt die Frage offen, warum der
Ermordete
denn ständig andere Leute provoziert hat.
Die
Antwort auf diese Frage kann ich ihnen geben. Der Angeklagte war ein
Mensch,
der ständig Belustigung brauchte, um es in diesem Leben
auszuhalten. Er war
also so etwas wie ein Spaßvogel, der sich auf Kosten anderer
Leuten amüsierte.
Dieser Spaßvogel hatte im Laufe seines Lebens durch eben diese
Späße seine
Gesundheit ruiniert. Wie sie aus den Akten entnehmen können, war
der Angeklagte
wegen zahlreicher Betrugsdelikte verurteilt, aber als haftunfähig
beurteilt und
deshalb freigelassen worden.
Ich
möchte ihr Augenmerk dabei auf zwei Worte des medizinischen
Gutachtens zu
diesem Fall richten. Es sind die zwei Worte, mit denen der Gutachter
von einem
„medizinischen Wunder“ spricht. Wohl jeder, der den Verstorbenen in den
letzten
Stunden seines Lebens gesehen hat, hat gespürt, dass dieser Mensch
nicht mehr
lange zu leben hat und hat deswegen Mitleid mit ihm verspürt. Auch
ich habe
tiefes Mitleid mit meinem todkranken besten Freund empfunden. Glauben
sie im
Ernst, dass mich in dieser Stimmungslage mein Freund so provozieren
konnte,
dass ich im Affekt anhielt, um ihn zu erstechen? Glauben sie nicht
eher, dass
der Verstorbene im Angesicht des nahen Todes zu einem letzten
Spaß, zu einer
letzten Belustigung fähig war, und dass ich spontan als Opfer
dieser letzten
Belustigung ausgesucht wurde, als der Verstorbene mein Messer im
Handschuhfach
entdeckte? Würde das nicht auch erklären, warum die Tat vor
so vielen Zeugen
durchgeführt wurde?
Hohes
Gericht, bis jetzt habe ich nur Indizien zu meiner Entlastung
beigebracht, die
auch die Staatsanwaltschaft in ihrem Sinne erklären kann. Einen
Punkt kann sie
jedoch nicht erklären, der jedoch wie das fehlende letzte
Steinchen in mein
Mosaik passt: Ist ihnen nicht aufgefallen, dass alle Zeugen
erwähnten, dass
Friedrich Fischer, ich zitiere, „mit einem Lächeln auf den Lippen“
starb. Die
Staatsanwaltschaft ist auf diesen Punkt bewusst nicht eingegangen, weil
er
nicht ich ihre Theorie passt. Stirbt jemand mit einem Lächeln auf
den Lippen,
der gerade bestialisch ermordet wurde? Können sie sich so etwas
vorstellen?
Sollte man nicht eher erwarten, dass man unter diesen Umständen
mit
erschrockenem oder entsetzten Gesichtsausdruck stirbt?
Welchen
Gesichtsausdruck würden sie hingegen erwarten, wenn sie im
Angesicht des Todes
die vielleicht größte Belustigung ihres ganzen Lebens
erleben? Würden sie da
nicht auch mit einem Lächeln auf den Lippen sterben? Sie sehen,
hohes Gericht,
die Theorie der Staatsanwaltschaft kann diese übereinstimmenden
Zeugenaussagen
nicht befriedigend erklären. Sie passt hingegen wie angegossen zu
meiner
Schilderung des Tathergangs: Friedrich Fischer hat Selbstmord begangen
und
diesen so angelegt, dass ich zwangsläufig des Mordes
verdächtigt werde.
Ich
glaube nicht, dass es eine böse Absicht von ihm war, ich denke, er
wollte mir
nur einen Schrecken einjagen, und mehr nicht. Auch jetzt, im Angesicht
einer
drohenden Zuchthausstrafe, kann ich ihm irgendwie nicht böse sein.
Ich konnte
ihm eigentlich nie richtig böse sein, darum war er ja auch mein
bester Freund.
Ich habe ihn irgendwie bewundert, ja vielleicht sogar geliebt.
Ich
hoffe, ich habe ihnen gezeigt, dass sich auch meine Schilderung des
Tathergangs
mit den Zeugenaussagen und Indizien deckt, wobei meine
Ausführungen im Gegensatz
zu der Theorie der Staatsanwaltschaft sogar alle Tatumstände
zwanglos erklären.
Gemäß meiner Schilderung habe ich den Verstorbenen nicht
ermordet. Und da sie
das Gegenteil nicht beweisen können, kann ihr Urteil auch
eigentlich nur „Freispruch“
lauten.“
Während
meiner letzten Worte war ein schmaler, grauhaariger Polizist nach vorne
getreten,
der zu meiner grenzenlosen Überraschung mit einer kieksigen Stimme
das Wort
ergriff.
„Hohes
Gericht. Mein Name ist Gustav Fischer, Vollzugsbeamte an der
Justizvollzugsanstalt
Fischbach. Ich bin der Vater des Verstorbenen. Ich gebe zu, dass ich
zuerst der
Überzeugung war, dass der Angeklagte meinen Sohn ermordet hat.
Aber dann, bei
seinem Schlussplädoyer, ist mir klar geworden, dass diese
Vermutung nicht den
Tatsachen entsprechen kann. Der Angeklagte hat meinen Sohn so treffend
beschrieben,
dass ich der festen Überzeugung bin, dass der Angeklagte
unschuldig ist und
vielmehr mein Sohn Selbstmord begangen hat.
Ich
habe in meinem Leben als Justizvollzugsbeamter schon viele Verbrecher
gesehen.
Dieser Mann hier“ - er zeigte dabei auf mich - „ist ganz bestimmt
keiner. Ja,
mein Sohn war ein Spaßvogel und ich teile die Ansicht des
Angeklagten, dass er
ihm nur einen Schreck einjagen wollte. Der gesamte Tathergang war ja
nicht
geplant, sondern ein spontaner Einfall. Nach all den Ausführungen
des
Angeklagten bin ich froh, dass mein Sohn so einen guten Freund hatte.
Es
widerspricht dem gesunden Menschenverstand, einen solchen Menschen des
Mordes
zu verdächtigen. Ich bitte daher das Gericht im Namen meines
Sohnes, den
Angeklagten freizusprechen“.
Uns
so geschah es dann auch.