Automobilbau in Kleinserie im Deutschland der 50er
Jahre am Beispiel der Fa. Rometsch, Berlin
Nach einem Vortrag von Günther Kaulmann, gehalten
auf dem Treffen für Historische Volkswagen 1994 in Braunschweig
aufgezeichnet und bearbeitet von Dr. Ulrich von Pidoll
Ich wurde 1930 in Berlin geboren und war kein besonders
guter Schüler gewesen. Da mein Vater nicht mehr aus dem Krieg
zurückkehrte, wurde mein Onkel mein Vormund. Dieser Onkel war im Krieg
ein Kollege von dem bekannten Karosseriebaumeister Beeskow gewesen. Durch
diesen Kontakt war mein Onkel zu der Überzeugung gelangt, daß
eine Berufsausbildung zum Karosseriebaumeister auch für mich das Richtige
wäre.
Nach meiner Schulzeit, die kriegsbedingt für ein
Jahr unterbrochen war, gammelte ich eine Zeitlang herum, denn 1945 gab es
keine Lehrstellen. Mein Onkel besorgte mir daraufhin ohne mein Wissen im
Jahre 1946 eine Lehrstelle bei der Karosseriefirma Buhne in Berlin. Hierzu
teilte er mir dann an einem Freitag mit, daß ich ab Montag dort als
Lehrling eingestellt war. So begann meine Karriere im Automobilbau, in einem
Beruf, um den ich mich nicht beworben hatte und den ich eigentlich auch nie
ausüben wollte.
Ich wußte bereits von meinem Onkel, daß Berlin
vor dem Krieg die Hochburg der Karosseriebaufirmen war. Dies lag wohl auch
daran, daß durch die Nähe der UFA in Potsdam-Babelsberg die meisten
Filmstars in Berlin wohnten. Diese Filmstars sorgten mit ihren
Sonderwünschen nach Automobilen in Einzelanfertigung für eine
Hochkonjunktur der damaligen Betriebe - immerhin gab es vor dem Krieg rund
30 Karosseriebaufirmen in Berlin. Dabei wurde bei diesen Sonderwünschen
der Filmstars besonders darauf geachtet, daß jedes Fahrzeug sich deutlich
im Design von den anderen Fahrzeugen unterschied und wirklich nur ein einziges
Mal gebaut wurde. Denn kein Filmstar wollte das gleiche Auto fahren wie sein
Kollege. Derartige Einzelanfertigungen waren damals noch relativ preiswert
zu machen: man kalkulierte etwa 2/3 Material und 1/3 Lohnkosten. Doch nicht
nur der Bau, sondern auch die Reparatur von Unfallschäden an Kraftfahrzeugen
füllten damals die Auftragsbücher der Karosseriebaufirmen.
Da nach dem Krieg der Kraftstoff rationiert und nur an
Transportfahrzeuge auf Bezugsschein abgegeben wurde, ließen viele Reiche
das Hinterteil ihres Horchs oder Maybachs hinter dem Fahrersitz abschneiden
und durch einen Pritschenaufbau ersetzen. Das Fahrzeug wurde so zu einem
Lieferwagen für lebenswichtige Güter deklariert, die natürlich
nie damit transportiert wurden. Doch war es so den hohen Herrschaften
möglich, Benzin auf Bezugsschein zu erhalten. Diese Aufträge sicherten
den Karosseriebaufirmen auch unmittelbar nach dem Krieg das Überleben,
und 1950, mit dem Ende der Bezugsscheinpflicht für Benzin, durften wir
wieder die Fahrzeuge anhand von alten Photos in ihre ursprüngliche Form
zurückbauen. Doch hatten wir auch viele Aufträge, die darin bestanden,
auf alte Fahrgestelle neue Karosserien aufzubauen.
Gerade in den schlechten Zeiten unmittelbar nach dem Krieg
haben also die Karosseriebaufirmen viel verdient. Doch mit dem Anstieg der
Lohnkosten am Gesamtpreis im Verlauf der 50er Jahre kam dann das Aus für
die meisten Firmen in diesem Gewerbe. Und spätestens mit dem Bau der
Mauer 1961 und dem daraus resultierenden Wegfall der Arbeitskräfte aus
Ost-Berlin begannen die schlechten Zeiten für diese Firmen.
Mangels intakter Gebäude unmittelbar nach dem Krieg
begann meine Lehrzeit 1946 bei Karosserie Buhne in einem alten Weinkeller
der Berliner Brauerei Schultheiss, wo ich mir von dem Lärm der Maschinen
dann prompt einen Gehörschaden einfing, unter dem ich heute noch zu
leiden habe. Nun war ich in den Klauen des Automobilbaus gefangen, und ich
mußte mir deshalb etwas einfallen lassen, um da wieder herauszukommen.
Dies war um so notwendiger, da ich bereits nach dem ersten Tag Blasen an
den Händen hatte, die am zweiten Tag vereiterten. Am dritten Tag bin
ich deshalb zur Innung gegangen und habe dort gefragt, was ich tun
müßte, um weiter zu kommen.
Auf deren Rat hin habe ich mich bereits nach vierzehn
Tagen meiner Lehrzeit an der Technikeramtsschule in Berlin als erster Stift
angemeldet. Dort bin ich natürlich schief angesehen worden, vor allem
von meinem Onkel, der übrigens diese Schule gegründet hatte, und
mich dort mit den Worten begrüßte: "Was machst Du denn hier?"
Trotzdem war ich natürlich stolz darauf, endlich
mein erstes Geld zu verdienen. Doch es war weniger, als ich geglaubt hatte:
gerade mal 80 Pf pro Stunde. Dieser Betrag wurde damals als Einzelakkordlohn
berechnet und bezahlt.
Da ich mit diesem Lohn nicht zufrieden war, habe ich mich
in der Technikerschule meines Onkels besonders engagiert. Die Folge meines
Fleißes war, daß mein Onkel mir daraufhin bereits im vierten
Semester Lehraufgaben in seiner Schule übertrug. Zwar habe ich dafür
kein Geld bekommen, aber es hat mir mehr Spaß gemacht als die Akkordarbeit
bei meiner Lehrfirma.
1949 wurde ich Geselle. Doch änderte sich damit praktisch
nichts an meiner Bezahlung. Ich empfand es daher als den wesentlichsten
Unterschied zwischen meiner Zeit als Lehrling und Geselle, daß man
mir nach der bestandenen Gesellenprüfung mitgeteilt hatte: "Jetzt bist
du Geselle, jetzt kannst du endlich "Du" zu uns sagen."
Die Arbeit als Karosseriebauer umfaßte nach den
Bestimmungen der Berliner Innungsordnung sechs Bereiche: nämlich Blech-,
Holz-, Stahl-, Schlosser-, Polster- und Lackierarbeiten. Drei dieser Bereiche
mußte man in seinem Gesellen- und Meisterstück zeigen, die restlichen
drei mußten in einer Arbeitsprobe nachgewiesen werden. Mein
Meisterstück bestand aus einem Blech- Holz-Stahl-Verbundgegenstand,
und als Arbeitsprobe mußte ich ein Sitzpolster reparieren, eine
Drahteinlage anschweißen und eine Tür lackieren. Übrigens
lagen meine größten Talente damals bei den Holzarbeiten und dem
Aluminiumschweißen. Diese Kombination ist gar nicht so selten, denn
Holzspezialisten haben meist auch das richtige Feeling für das Aluminium,
während Metallspezialisten fast immer Probleme mit dem
Aluminiumschweißen haben.
Während meiner Arbeitszeit bei Karosserie Buhne habe
ich an allen Fahrzeugtypen wie Brauereifahrzeugen, Kutschen, Autos und Bussen
gearbeitet. Diese vielseitigen Arbeiten sind mir später ungeheuer zugute
gekommen. Es gibt praktisch keinen Fahrzeugtyp, den ich nicht selbst repariert,
konstruiert oder gebaut habe.
1950 erhielt ich schließlich die Aufgabe,
sämtliche Konstruktionen für unseren Karosseriebetrieb mit 100
Mitarbeitern durchzuführen und die Kosten für die Herstellung der
einzelnen Teile zu kalkulieren. Hierbei gab es des öfteren Differenzen
mit der Geschäftsleitung, da man meist der Ansicht war, daß meine
Zeit- und Kostenvorgaben zu gering angesetzt waren. In diesen Fällen
habe ich stets die Teile selbst angefertigt und so bewiesen, daß meine
Vorgaben sinnvoll und machbar waren.
Später, Anfang 1956, habe ich dann die
Meisterprüfung zum Karosseriebaumeister erfolgreich abgelegt. Doch war
ich der Auffassung, daß ein Meister die Firma, in der er gelernt hatte,
verlassen sollte, da er dort nie und nimmer eine große Karriere machen
könnte. Auch der bereits erwähnte Karosseriebaumeister Beeskow
hatte bei Erdmann & Rossi in Berlin gelernt, bevor er nach dem Tod des
Seniorchefs und der nachfolgenden Umstellung des Arbeitsgebietes seiner Firma
zu Rometsch ging. Zudem verdiente ich seit Jahren trotz harter Arbeit nur
380 DM pro Monat und hatte den Chef schon vor zwei Jahren um
Gehaltserhöhung gebeten. Ohne Erfolg. Nach der bestandenen
Meisterprüfung war er gerademal bereit, mein Gehalt auf 400 DM zu
erhöhen. Dies war für mich der endgültige Beweis dafür,
daß meine Ansicht richtig war und ich mich verändern mußte,
um weiter zu kommen. Ich habe deshalb bei Karosseriebau Buhne gekündigt
und mich auf die Suche nach einem besseren Stellenangebot gemacht.
In dieser Phase meines Lebens erinnerte ich mich daran,
daß ich auf der Berliner Automobilausstellung 1950 zum ersten Mal ein
Fahrzeug der berliner Karosseriebaufirma Rometsch gesehen hatte. Von diesem
Wagen, ein gelbes Modell Beeskow Cabriolet, war ich damals hellauf begeistert.
So einen schönen Wagen wollte bestimmt jeder haben, aber nur die wenigsten
besaßen natürlich hierfür das notwendige Kleingeld. Doch
waren im Prinzip die Fahrzeuge von Rometsch auf Basis eines
Käfer-Fahrgestells nur von Designern geschaffene Show-Fahrzeuge von
ausgezeichneter Verarbeitungsqualität.
In Anbetracht dieser Erinnerung bewarb ich mich bei Rometsch
und wurde sofort eingestellt.
Rometsch war 1950 die erste Karosseriebaufirma, die mit
der alten Tradition brach, Fahrzeuge nur als Einzelanfertigung herzustellen.
Die Rede ist hier natürlich von dem bereits erwähnten Rometsch
Typ Beeskow, im Volksmund "Banane" genannt, dessen Karosserie von dem anfangs
vorgestellten Karosseriebaumeister Beeskow entworfen wurde. Diese Karosserie
wurde bei Rometsch in Handarbeit angefertigt und auf ein VW-Fahrgestell montiert.
Den ersten Wagen dieses Typs erwarb übrigens der Schauspieler Victor
de Kowa. Später, ab 1956, wurde noch ein weiterer von dem Designer Lawrence
entworfener Typ zusätzlich produziert.
Zu dieser Fahrzeugproduktion kam es eher zufällig,
als der bei Rometsch neu eingestellte Karosseriebaumeister Beeskow dem alten
Rometsch im Jahre 1949 Skizzen von einem von ihm entworfenen neuen Auto zeigte.
Der Seniorchef war von diesen Entwürfen so begeistert, daß er
eine Produktion dieses Kraftfahrzeugs in seiner Firma anordnete. Wie sehr
dieses Fahrzeug damals vom Design her seiner Zeit voraus war, erkennt man
daran, daß es bereits eine Pontonkarosserie aufwies, deren Details
später von anderen Fahrzeugherstellern kopiert wurden. So übernahm
beispielsweise Mercedes Benz das Design der Vorderkotflügel für
seinen 300SL Flügeltürer.
Der Verkauf der Fahrzeuge erfolgte bis zu meinem Eintritt
bei Rometsch zum Selbstkostenpreis, lediglich an den Reparaturen wurde verdient.
Doch ergab eine Nachkalkulation durch mich, daß an jedem der 280 bisher
gebauten Modelle Typ Beeskow je nach Jahr tatsächlich ein Minus zwischen
2000 und 3500 DM erwirtschaftet wurde. Doch war dies nicht so schlimm, wie
es vielleicht auf den ersten Blick erscheint, denn der Fahrzeugbau trug nur
mit einem geringen Teil zum Gesamtumsatz der Firma bei. Der Hauptumsatz lag
im Bereich Karosseriereparaturen. Und gerade dieser Bereich ist durch die
ungeheuer werbewirksame Fahrzeugproduktion so stark expandiert, daß
Rometsch den dreifachen Preis wie andere Karosseriebaufirmen nehmen mußte,
um den Käuferansturm in erträglichen Grenzen halten zu
können.
Neben dem Typ Beeskow wurden damals übrigens bei
Rometsch auch noch Sonderkarosserien für andere Automobiltypen hergestellt.
Am bekanntesten hiervon ist wohl das viertürige VW-Käfer-Taxi.
Denn gemäß der Berliner Gewerbeordnung mußten öffentliche
Taxis vier Türen aufweisen, und andere Fahrzeuge als ein VW-Käfer
waren damals für normale Gewerbetreibende unerschwinglich.
Meine Aufgabe bei Rometsch bestand darin, eine
Rationalisierung der Fertigung der Fahrzeuge zu erzielen, sodaß in
den nächsten vier Jahren keine roten Zahlen mehr mit dem Fahrzeugbau
erwirtschaftet werden. Ich habe diese Aufgabe unter anderem mit einem vom
Standpunkt der Gewerkschaft aus brutalen qualitäts- und
leistungsorientierten Akkordsystem lösen können. Als Folge davon
haben wir alle gearbeitet "wie die Idioten", doch haben wir dabei auch einen
Haufen Geld verdient. Und sogar die Fa. Rometsch verdiente jetzt an den
Fahrzeugen 3,5 % bis 6 %.
Anfang 1956 war schon erkennbar, daß der Fahrzeugbau
in Handarbeit nach Altväter Sitte wegen der Explosion der Lohnkosten
nicht mehr lange möglich sein würde, denn inzwischen war man bereits
bei 1/3 Material- und 2/3 Lohnkosten angelangt. Für die Fa. Rometsch
kam dabei noch erschwerend hinzu, daß die damalige Volkswagen GmbH
keine Fahrgestelle an Rometsch lieferte und sogar ihren Händlern in
Berlin verboten hatte, komplette Fahrzeuge an die namentlich bekannten
Mitarbeiter der Fa. Romesch zu liefern. Es herrschte also damals so etwas
wie ein Krieg bis aufs Messer zwischen VW und Rometsch, wobei wir uns sogar
von Privatdetektiven beschattet fühlten. Deshalb mußte ich
gleichzeitig mit meinem Einstellungsvertrag auch einen Kaufvertrag für
einen neuen VW-Käfer abschließen. Das war übrigens mein erstes
Auto in meinem Leben, doch ich sollte es niemals sehen.
Später mußten wir sogar komplette Fahrzeuge
bei westdeutschen VW-Händlern kaufen, was wegen der ungünstigen
Lage Berlins inmitten der DDR mit ungeheuren Transportschwierigkeiten verbunden
war. So ein kompletter VW-Käfer kostete uns damals 4600 DM plus 350
DM Kaufspesen und Kosten für den Abbau der Karosserie, wobei wir diese
z.B. zum Umbau von Kübelwagen und zur Reparatur von Unfallwagen für
1950 DM nebst den Reifen für weitere 150 DM weiterverkaufen konnten.
Ein Fahrgestell kostete uns damals also schon 2850 DM
von den gesamten Herstellkosten eines Fahrzeugs von 8470 DM. Weitere 2300
DM benötigten wir als Materialanteil, darunter auch die neuen
Weißwandreifen. Diese Summen wurden zusammengezählt und 20 %
Gemeinkosten dazugeschlagen. Somit blieben an auszuzahlenden Löhnen
für den Aufbau der Karosserie aus Einzelteilen gerademal 1616 DM bei
einem Stundenlohn von 2.25 DM übrig. Das war weniger als wenig und gibt
einen Einblick in die Schwierigkeiten, vor denen ich damals stand.
Ich habe daraufhin einen Akkordlohn bei Rometsch
eingeführt, mit dem nicht nur diese Lohnvorgabe eingehalten, sondern
sogar zwei Jahre später die um 60 DM gestiegenen Materialkosten aufgefangen
werden konnten. Grundlage dieses Akkordlohnes waren von mir kalkulierte,
bei normaler Gechicklichkeit erreichbare Produktionszahlen jedes Arbeitsvorgangs.
Für eine derartige Arbeitsleistung wurden 2,25 DM Stundenlohn kalkuliert.
Wer mehr schaffte, bekam prozentual mehr Lohn. Gleichzeitig war jedoch auch
festgelegt, daß jeder Mitarbeiter ein halbes Jahr Garantie auf seine
Arbeitsleistung geben mußte. Diese Garantie bestand darin, daß
Arbeitsfehler des Mitarbeiters von ihm selbst in diesem Zeitraum entweder
in unbezahlter Zeit wiedergutgemacht oder aber aus seiner eigenen Tasche
bezahlt werden mußten.
Unsere Arbeiter hatten sich daraufhin so in ihre Arbeit
hereingesteigert, daß meine Akkordvorgaben weit übertroffen wurden.
Gingen die Mitarbeiter am 1.1.1956 noch mit 2.25 DM pro Stunde an die Arbeit,
so wurden am 1.1.1958 als Folge der Überschreitung meiner Akkordvorgaben
je nach Mitarbeiter 5,50 DM bis 9,80 DM pro Stunde ausgezahlt.
Diese Akkordvorgaben galten auch für die Lehrlinge.
Zwar bekamen die Lehrlinge anfangs nur ihren tariflich festgelegten Lohn,
doch konnten sie schnell von ihrem Betreuer in die Arbeit eingewiesen werden
und halfen ihm dementsprechend schon bald bei der Akkordfertigung. Deshalb
gab er ihnen dann auch einen entsprechenden Anteil seines durch ihre Mithilfe
erwirtschafteten Akkordmehrgewinns ab. Die Lehrlinge erwiesen sich übrigens
auch als große Stütze beim Bau der erforderlichen Arbeitsmaschinen.
Da ich nur Lehrlinge eingestellt hatte, die mit meinem Akkordsystem einverstanden
waren, packten sie alle dementsprechend mit an. Wir haben geschafft wie die
Wilden - ich erwähnte es bereits -, doch es hat sich keiner beklagt,
denn wir sind alle dabei wohlhabend geworden, sogar die Lehrlinge.
Vor meiner Zeit hat bei Rometsch ein Mitarbeiter nur die
Türen gebaut, ein zweiter nur die Kotflügel und ein dritter nur
das Aluminium verschweißt usw.. Wenn einer einmal krank wurde oder
Urlaub nahm, konnte kein Auto mehr zusammengebaut werden. Das war natürlich
ein Unding, und deshalb habe ich dieses Arbeitssystem auch sofort geändert.
Dies war relativ einfach möglich, denn nachdem die anderen Mitarbeiter
bemerkt hatten, daß einer beispielsweise durch das Aluminiumschweißen
sehr viel Geld verdienen konnte, haben sie ihm sehr genau auf die Finger
geschaut, und nach einem Monat konnten es alle anderen Mitarbeiter genauso
gut wie er.
Der Fortschritt, der durch mein Akkordsystem erzielt wurde,
wird am deutlichsten, wenn man das alte und das neue Arbeitssystem
gegenüberstellt. Als ich bei Rometsch anfing, bauten 34 Mann pro Monat
4 Autos. Nachdem ich mein Akkordsystem eingeführt hatte, bauten 11 Mann
5 Autos pro Monat. Je nach Mitarbeiter stieg die Arbeitsproduktivität
um 800 % bis 1000 %. Das war der entscheidende Unterschied.
Diese höhere Arbeitsproduktivität machte sich
natürlich auch bei den Kosten bemerkbar. So kosteten am 1.1.1956 die
beiden Vorderkotflügel zusammen 222 DM Lohnkosten bei einem Stundenlohn
von 2.25 DM. Am 1.1.1958, auf dem Höhepunkt meines Akkordsystems, kosteten
sie nur noch 60 DM, wobei der betreffende Mitarbeiter sogar einen Stundenlohn
von 9,80 DM verdiente. Hieraus kann man erkennen, zu welcher Arbeitsleistung
Mitarbeiter fähig sind, wenn man sie nur richtig anleitet, motiviert
und bezahlt. Doch können ein derartiges Akkordsystem in einer Firma
nur Chefs einführen. Leider sind jedoch diese Chefs in der Regel
älter, und sie werden keinesfalls zugeben wollen, daß sie jahrelang
ein falsches System für die Arbeit verwendet haben. In diesem Punkt
sind uns die Japaner voraus!
Übrigens habe ich 1957 auch meine Technikerprüfung
bestanden, aber das hat damals nun wirklich niemanden interessiert.
Obwohl das neue Modell Lawrence viel schöner und
praktischer als das alte Modell Beeskow war, hat es sich doch nicht mehr
auf dem Kraftfahrzeugmarkt durchsetzen können. Der Grund hierfür
lag weniger an dem Auto oder seinem Preis, sondern vielmehr darin, daß
die Zeit für solche Designer-Autos in Kleinserie einfach vorbei war.
Denn bereits 1953/54 waren die Filmstars nicht mehr in dem Maße wie
früher bereit, ihr Geld für solche Autos auszugeben. Ab 1958 war
dann dieser Markt völlig zusammengebrochen.
1956 sollte das Modell Beeskow langsam auslaufen. Deshalb
habe ich an diesem Fahrzeugtyp nur noch Kleinigkeiten wie die Tür- und
Haubenscharniere verbessert. Von dem geplanten Nachfolgermodell Lawrence
existierte bei meinem Eintritt gerademal ein Holzmodell. Doch zeigte sich
zu unserer Überaschung schon bald, daß der alte Typ Beeskow in
den USA noch verkäuflich war, während das neue Modell sich dort
als praktisch unverkäuflich erwies. In Deutschland war es genau umgekehrt.
Doch wurde in Deutschland das Modell Lawrence nur wenig gekauft, sodaß
auf die Käufer des Modells Beeskow in den Vereinigten Staaten nicht
verzichtet werden konnte. Dies führte zu der unbefriedigenden Situation,
daß beide Fahrzeugtypen nebeneinander in kleinen Stückzahlen gebaut
werden mußten. Von Anfang 1956 bis Mitte 1959 wurden insgesamt nur
49 Fahrzeuge beiden Typs gebaut, wobei das Modell Beeskow überwiegte.
Ich möchte nun im Folgenden an einigen Details die
damaligen Fertigungsmethoden erläutern.
Die beiden Vorderkotflügel vom Modell Lawrence wurden
aus 16 Teilen einer Tafel Aluminiumblech von 1,2 mm Stärke hergestellt.
Die Teile wurden grob ausgeschnitten und dann mit einer selbstgebauten
Glättwalze geglättet. Anschließend wurden sie einzeln von
Hand ohne die Anwendung von Preßmaschinen über ein Holzmodell
getrieben. Wir benötigten hierzu als Werkzeug nur einen Holzklotz und
einen Sandsack aus Leder, der auf das Werkstück gehalten und mit einem
Kugelhammer bearbeitet wurde. Für größere Flächen stand
ein Eschenknüppel zur Verfügung, der über einen Exzenter hin
und eine dadurch gespannte Blattfeder wieder zurück bewegt wurde. Dieser
Eschenknüppel wurde dann so eingestellt, daß er permanent auf
den auf dem Werkstück liegenden Ledersandsack einschlug. Als Folge dieser
Herstellweise der Karosserieteile ergibt sich auch ganz zwangsweise die
Verwendung von Aluminiumblechen, denn mit den damals im Automobilbau
üblichen dicken Stahlblechen hätte man diese kostengünstige
Fertigungsweise gar nicht realisieren können.
Die Aluminiumbleche wurden dann auf dem Modell abgekantet
oder alternativ überlappend gelegt, ein Teil wurde gerade abgeschnitten,
dann wurde auf dem anderen Teil genau parallel hierzu ein Riß gemacht
und genau nach diesem Riß gerade abgeschnitten. Schließlich wurden
die Einzelteile im Schraubstock eingespannt und mit einem Brenner erhitzt
und verlaufen gelassen. Alternativ wurden die Teile auch miteinander verpunktet
und dann erst verschweißt. Wir haben also ohne ein Flußmittel
und ohne einen Zusatzstoff die Aluminiumteile miteinander verschweißt.
Es gibt kein einfacheres Verfahren, komplizierte gerundete Geometrien
paßgenau herzustellen.
Außer den Holzmodellen hat die Fa. Rometsch keine
Investitionen für ihre Fahrzeuge getätigt, da alle Maschinen von
den Mitarbeitern, vorallem den Lehrlingen, selbst gebaut wurden. Es gab keine
Zeichnungen, sondern nur Modelle und Skizzen. Wir hielten beispielsweise
den Türgriff einfach nur an die Rohbautür, bis uns sein Ort zusagte,
und da kam er dann auch hin. Deshalb sind auch keine zwei genau gleichen
Autos gebaut worden.
Um die Kosten niedrig zu halten, wurden an den Fahrzeugen
Anbauteile von anderen Fahrzeugherstellern verwendet. Nur so war es
möglich, ein befriedigendes Äußeres zu einem günstigen
Preis zu realisieren, ohne daß das Fahrzeug billig aussah.
Ersatzteilkataloge hat es auch schon früher gegeben, und wir haben einfach
nach der "das könnte passen"-Methode aus diesen Katalogen bestellt.
Beispielsweise haben wir für das Modell Beeskow erst eine runde
Ford-Rückleuchte verwendet, später -in der Heckflossen-Aera- eignete
sich eine kantige Fiat-Leuchte besser. Die Kennzeichenleuchte kam von VW,
während die Blinker wiederum von Fiat stammten.
Lediglich die Windschutzscheiben mußten wir selbst
anfertigen, da hier kein anderes Serienteil paßte. Während Beeskow
die Frontscheibe noch zehn-Stück-weise herstellte und stets die ersten
neun wegen Verzugs verwerfen mußte, habe ich immer zwanzig Stück
auf einmal bauen lassen und elf Windschutzscheiben davon verwenden können.
Die Seitenscheiben nebst deren Fensterheber waren dagegen Serienteile, die
wir nach der gewünschten Höhe aus dem Katalog bestellten und
Türen und Seitenteile dann so konstruierten, daß diese paßten.
Die Rückscheibe war aus warmverformbarem Plexiglas, was uns bei der
Herstellung keine Probleme aufwarf.
Die Tür selbst wurde aus vier abgekanteten
Aluminiumblechteilen nämlich vorne, hinten, oben und unten,
zusammengepunktet. Das Türschloß stammte nebst der erforderlichen
Mechanik von der Fa. Happich.
Das Modell Lawrence verfügte als einer der ersten
Fahrzeuge über ein gepolstertes Armaturenbrett. Die keilförmige
Polsterung hierfür war nichts anderes als ein Dichtungsprofil für
ein Cabriolet, wiederum aus dem Katalog der Fa. Happich, welches wir mit
Kunstleder bezogen und mit einem Winkel befestigten. Sie sehen, wir haben
damals nicht gehext, sondern nur mit etwas Köpfchen und einfachsten
Verfahren aus vorhandenen Serienteilen etwas aufgebaut.
Ich hoffe, ich habe ihnen hiermit einen kleinen Einblick in den Kleinserien Automobilbau der 50er Jahre gegeben und ihnen vermitteln können, mit welch ausgeklügelten und doch einfachen Methoden wir damals kostengünstig Autos bauen konnten. Was man in den 50er Jahren konnte, ist natürlich auch heute noch möglich. Geben sie mir fünf Mitarbeiter, die gerne Autos bauen wollen, und wir bauen ihnen auch heute noch innerhalb eines halben Jahres eine Kleinserien Autoproduktionslinie auf.