Mein ungewöhnlichstes
Oldtimertreffen
Dr. Ulrich von Pidoll,
Braunschweig
Von den vielen Oldtimertreffen, die ich im Lauf
der letzten 20 Jahre besucht habe, ist mir eines besonders in
Erinnerung geblieben. Ich denke daher, daß es sich lohnt, von
diesem ungewöhnlichsten aller bisherigen Treffen zu berichten.
Vor einigen Jahren entnahm ich meiner
Tageszeitung, das am nächsten Samstag auf einem Gutshof in der näheren
Umgebung ein Oldtimertreffen für Fahrzeuge bis Baujahr 1965
veranstaltet wurde. Alle Besitzer solcher Fahrzeuge wurden
aufgerufen, zu diesem Gutshof hinzufahren und mit schönen
Fahrzeugen und interessanten Benzingesprächen dafür zu sorgen,
daß das Treffen ein voller Erfolg würde. Essen und Getränke
waren frei. Außerdem gab es eine Prämierung für den schönsten
Oldtimer.
Dieser Aufruf klang eigentlich ganz
vielversprechend, und so bin ich an dem bewußten Samstagmorgen
in meinen blauen Käfer von 1958 eingestiegen, um mir dieses
Treffen einmal näher anzusehen.
Der Gutshof lag an der Bundesstraße zwischen
Celle und Gifhorn. An einer Stelle war ein Pappschild angebracht,
welches von der Straße von Richtung Celle kommend nach links auf
einen Feldweg lotste. Links von diesem Feldweg war ein Graben, in
welchem ein etwa 1 m breiter Bach lustig vor sich her plätscherte.
Nach etwa 150 m endete der Feldweg an einer großen Scheune. Vor
der Scheune war ein großer freier Platz, auf dem bereits einige
Oldtimer geparkt waren.
Ich stellte meinen Käfer zu den anderen
Oldtimern, und ein hinter mir fahrender schwarzer Ford 17M P3 (das
ist die "Badewanne") fuhr links neben mich. Ein
schwarzer Brezel, Ovali oder Mercedes ist ja in Ordnung und auch
schön, aber bei diesem Fahrzeugtyp wirkte die Wagenfarbe auf
mich wie eine glatte Vergewaltigung des Fahrzeugs, sie war
einfach unangemessen.
Beim Aussteigen kam ich mit dem gleichzeitig
aussteigenden Beifahrer ins Gespräch. Dabei sprach ich ihn auf
die ungewöhnliche Wagenfarbe an. Zu meiner grenzenlosen Überraschung
sagte der Fahrer dann hierzu mit stotternder Stimme: "Ha-hast
Du denn noch nie davon gehört, daß die a-alten Ford-Modelle
alle schwarz waren? Und ist mein Wagen nicht etwa ein a-alter
Ford? Zu-ugegeben, die Lackierung ist nicht gerade das Pralle, a-aber
so ist das nun mal im Leben: Wenn Du nicht gerade einen Do-doktortitel
hast, wirst Du von allen a-angeschmiert. Du wirst mir das si-sicher
nachfü-ühlen können, Du-du hast doch be-bestimmt auch deinen
Hauptschulabschluß nicht geschafft?" "Du hast ja so
recht", entgegnete ich mit seufzend gespielter Stimme,
"ich mußte nach vier Schuljahren die Hauptschule verlassen".
Nachdem die beiden neben mir weggegangen waren,
schaute ich mir den Wagen näher an. Er war bis auf die
Lackierung in ganz hervorragendem Zustand. Die Lackierung selbst
war aber so dillettantisch aufgespritzt, daß ich zu hoffen
begann, daß der Lack vielleicht wasserlöslich ist und mit einer
Wagenwäsche wieder entfernt werden könnte.
Nach diesem Schreck begann ich die um mich
herum ausgestellten Fahrzeuge mit ihren Besitzern zu begutachten.
Es waren fast alle Fahrzeugmarken von DKW bis Volkswagen
vertreten, und die Oldtimer waren durchweg in gutem Zustand. Von
den anwesenden Besitzern kannte ich niemanden. Personen, welche
ich als Besucher einschätzte, konnte ich nicht entdecken, dazu
war das Treffen wohl doch zu weit außerhalb gewählt.
In der Scheune waren einige Sitzbänke mit
Tischen aufgestellt, und im Hintergrund konnte man auf einem
Holzbock ein großes Bierfaß entdecken, an dem einige Personen
herumhantierten. Aus einigen nicht direkt sichtbaren
Lautsprechern ertönte anregende Musik. Da die Scheune selbst
kein Fenster hatte, sorgten einige bunte Glühbirnen an der Decke
für eine gemütliche Atmosphäre, derweil hinter der Scheune ein
kraftstoffbetriebener Stromgenerator seinen Dienst versah. Im übrigen
kam durch das weit geöffnete Holztor genügend Licht in den
Innenraum.
Plötzlich ertönte aus den Lautsprechern eine
Ansage: "Alle Mann in die Scheune, jetzt gibt es Freibier für
Jedermann und Jedefrau". Dieser Aufruf verursachte sofort
einen Menschenansturm in Richtung Scheune, und kurze Zeit später
war es um mich herum menschenleer. In der Scheune hingegen
herrschte dichtes Gedrängel. Da ich selbst keinen Alkohol
vertrage, habe ich an dem Ansturm nicht teilgenommen und die
Szene nur aus der Ferne beobachtet.
Dann geschah das Unfaßbare: Auf einmal ging
der letzte Mann zu dem Tor, schloß es, ließ das Vorhängeschloß
zuschnappen, rannte dann laut lachend zum Stromgenerator und
schaltete ihn aus.
Das Ergebnis war eine Katastrophe. In dem
Augenblick, in dem der Generator stillstand, begann in der
Scheune ein Gekreische, Geschreie und Geklopfe an das Scheunentor,
wie ich es noch nie in meinem Leben gehört hatte. Unter der
Krafteinwirkung der Gefangenen drohte die Scheune einzustürzen.
Um mich herum stand niemand mehr, also mußte ich handeln.
Blitzschnell rannte ich zu dem Scheunentor und rief, so laut ich
konnte "Ruhe, Ruhe, ich mache jetzt die Tür auf". Dies
war Gottseidank leicht möglich, denn der Schlüssel steckte noch
im Schloß.
Ich drehte am Schlüssel, hängte das Vorhängeschloß
aus und wurde mit einem wuchtigen Druck zur Seite geschleudert.
Es war, als ob ich einen unter Druck stehenden Behälter geöffnet
hätte. Ein laut schimpfender und wild gestikulierender
Menschenstrom strömte durch die Scheunentür und versammelte
sich auf dem Platz vor der Scheune. Plötzlich war das Freibier
uninteressant geworden und eher eine gewisse Aufbruchstimmung
eingekehrt.
In der Menschenmenge fiel mir ein mittelblonder
langer Lulatsch auf, der besonders laut schimpfte und dabei einen
hochroten Kopf bekam. Um ihn herum standen einige Personen,
offensichtlich Freunde, die zu ihm schauten, aber selbst nichts
sagten. Der Lange schimpfte und zeterte weiter, bis plötzlich
eine Person aus dem naheliegenden Wald zu ihm hinkam und ihm
sagte: "He schau mal, da hinten hat gerade einer was
vergraben. Wollen wir da nicht mal nachschauen?". Sofort hörte
der Lange auf zu schimpfen, und auch seine Kopffarbe wurde wieder
etwas heller. Mit schnellen Schritten ging er zu der besagten
Stelle, wo in der Tat frische Grabspuren auf einer Fläche von
etwa 1 m auf 1 m vorhanden waren. Es bestand kein Zweifel, daß
irgendjemand kürzlich etwas an dieser Stelle vergraben hatte.
Ich weiß nicht, was in dem Langen vorging,
aber irgendwie schien ihn eine gewisse Goldgräberstimmung zu
packen, denn er fing an, in Ermangelung eines Spaten (es war eben
kein Treffen von Geländefahrzeugen) mit den Händen in der Erde
zu graben, wobei er mit maulwurfsartigen Handbewegungen die
frische Erdschicht geschickt beiseite drückte. Um ihn herum
standen seine Freunde, die wie gebannt auf seine wühlenden Hände
starrten und dabei einem permanenten Redeschwall aus seinem Mund
ertrugen. Da diese Personen mir die Sicht versperrten, wendete
ich meinen Blick von dem Schauspiel ab, bis plötzlich ein lauter
Entsetzensschrei des Langen ertönte.
Was war geschehen? Mit einem Blick in Richtung
des Schreies erfaßte ich die Situation. Der Lange stand jetzt
ganz allein vor dem Erdloch, hob eine Hand in die Höhe, welche
mit Schmutz versehen war und schimpfte mit einer wehklagenden
Stimme lauter als je zuvor. Sein Kopf war dabei so rot wie noch
nie und konnte durchaus einem Feuerlöscher zur Konkurrenz
gereichen.
Mein erster Eindruck war, daß der Lange
vielleicht in eine Mausefalle gegriffen hatte. Aber die Reaktion
seiner Freunde, welche fluchtartig mit zugehaltenen Nasen den
Schauplatz verließen, belehrte mich eines Besseren.
Offensichtlich war der Arme bei seinen Grabungen auf übelriechende
Exkremente gestoßen, weil vermutlich an genau dieser Stelle bis
vor kurzem noch ein Holzhäuschen mit einem Herzchen in der Tür
gestanden hatte.
Und während der Lange wie ein Hund gauzte und
bellte, erfaßten auch einige andere der Besucher die Situation
und fingen an, mit dem Finger auf ihn zu zeigen und vor
Schadenfreude laut zu lachen. Das war zuviel für den Langen.
Schnell griff er mit seinen Händen in das Loch, hob von der
stinkenden Masse heraus, formte sie wie Schneebälle und warf die
stinkenden Geschosse auf die Lacher.
Sofort nach dem ersten Treffer hörte das
Lachen auf, und aus der Reaktion der Getroffenen entnahm ich, daß
die Masse wirklich sehr unangenehm riechen mußte. Die Lacher
ihrerseits kratzten die Exkremente vom Boden und ihrer Kleidung
auf und begannen, sie weiter zu werfen. So entstand eine richtige
Wurfschlacht jeder gegen jeden. Bei dieser Gelegenheit erhielt
ich auch einen Treffer auf meinen Pullover, die Menge war jedoch
zum Weiterwerfen zu gering.
Leider gibt es bei Büchern keine Möglichkeit
der Geruchsübermittlung, und so kann ich nur an die Phantasie
des Lesers appellieren, sich vorzustellen, wie hundserbärmlich
es gestunken hatte.
Das Oldtimertreffen endete damit, daß wir alle
an dem kleinen Bach neben dem Zufahrtsweg unsere Kleider und Hände
sauber wuschen. Dabei hatte ein Oldtimerbesitzer den Bach mit
einigen leeren, kopfüber in den weichen Bachgrund gesteckten
Bierflaschen etwas aufgestaut. Sage einer mal etwas gegen das
Oldtimerhobby, da lernt man wenigstens, richtig zu improvisieren.
Früher als erwartet sind wir dann nach Hause
aufgebrochen. Gottseidank habe ich immer eine Ersatzhose und eine
Ersatzjacke unter dem Beifahrersitz für den Fall, daß bei einer
Ausfahrt ein Wagendefekt repariert werden müßte. Ein Gutes
hatte jedenfalls dieses Treffen: Diesmal wird mir meine Frau
nicht vorwerfen, daß Oldtimerbesitzer immer nach Motoröl und
Wagenschmiere stinken.
Auf der Rückfahrt nach Hause erhielt ich plötzlich einen starken Stoß, und meine Frau sagte zu mir: "Schnarch doch bitte nicht so". Ich war überrascht. Hatte ich das Ganze etwa nur geträumt?